Acht Fragen an Alice von Gwinner

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Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Alice von Gwinner („Zwischen uns steht ein Salat“) erzählt mehr von ihrem 23-minütigen Kurzfilm „Der Hauptgewinn“, der auf vielen Festivals u.a. in Bamberg und Landshut zu sehen ist, wie sie ihre Dystopie von einer persönlichen Idylle heraus schuf, welche Stilmittel sie sich bediente und wie es war mit einem Huhn zusammen zuarbeiten.   

Der Hauptgewinn“ ist eine lilafarbene Dystopie. Wie kam es zu dieser Geschichte?

Inspiriert zu der Geschichte wurde ich durch die kleine Idylle, die zu Beginn und Ende des Films zu sehen ist. Das kleine Häuschen, das dort zu sehen ist, hat mein Urgroßvater meiner Großmutter zu ihrem 11. Geburtstag geschenkt. Seitdem steht es dort im Garten und alle folgenden Generationen meiner Familie haben dort als Kinder gespielt, auf einer kleinen Insel im Leine-Fluss fernab der ‚Erwachsenenwelt‘.

Für dieses Häuschen, und das Gefühl, dass mir dieser paradiesische Ort vermittelt, wollte ich ein modernes Märchen schreiben und dafür habe ich den Einsiedler Albert und seine beste Freundin, das Huhn Eugenie, erfunden. Seiner natürlichen Welt, in der er es sich gut eingerichtet hat, wollte ich einen möglichst starken Kontrast entgegensetzen, in diesem Genre ist so etwas ja möglich und das wollte ich auskosten. Die Stadtbewohnerin Emiliana verwickelt ihn also in ein Abenteuer außerhalb seiner Komfortzone, seine Reise führt in die ‚große Stadt‘, eine lila-Limonaden-Dystopie. Dieses Mittel des größtmöglichen Kontrasts zieht sich durch viele Entscheidungen im in der Geschichte, aber auch im Szenenbild und Look. 

Kannst Du mir mehr zum Rahmen, in dem Dein Film entstanden ist erzählen? Mich interessiert auch sehr, wo und wie lange ihr gedreht habt.

Entwickelt habe ich den Stoff nach meinem Studium an der Bauhaus Uni in Weimar in einer Reihe von regionalen und internationalen Workshops. Begonnen hat alles mit ‚TP2 Talentpool‘, ein einjähriges Fortbildungsprogramm für mitteldeutsche FilmemacherInnen, darauf folgte eine Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, mit dem ich das Drehbuch schreiben konnte. Bei Workshops wie z.B. beim Filmfest Luxembourg und Go Short Filmfestival in den Niederlanden habe ich die Geschichte immer wieder auf den Kopf gestellt. Schließlich habe ich die Produzentin Hana Geißendörfer kennengelernt und gemeinsam haben wir dann die Förderungen beantragen können und das Projekt mit einem riesigen Team umgesetzt. Wir hatten insgesamt neun Drehtage in der Nähe von Göttingen (Insel), in Nordhausen und Rüdigershagen in Thüringen und in Leipzig. Die Postproduktion fand in Leipzig statt. 

Du arbeitest stark mit Gegensätzen und Farben und grenzt damit auch wunderbar die beiden Welten ab. Kannst Du mir mehr zum visuellen Konzept erzählen?

Daniel Krauss

Die Entscheidung visuell mit starken Gegensätzen zu arbeiten, ergibt sich durch den Inhalt: Den ZuschauerInnen soll schnell klar sein, was den ProtagonistInnen vertraut ist und wo sie sich nicht so wohl fühlen, denn beim Kurzfilm haben wir nicht viel Zeit das zu erklären. Auf Alberts Insel haben wir uns für eine stilisierte Natürlichkeit entschieden: viele Grüntöne, warmes Sonnenlicht, alles was Albert besitzt, hat er aus Holz und Treibgut selbst gebaut, warmes Sonnenlicht trifft auf fußballgroße Zitronen, die aus der fruchtbaren Erde wachsen. Ich wollte, dass auf der Insel aber auch schon Spuren der “Großen Stadt” zu sehen sind, Hinweise darauf, was fernab dieses Paradieses stattfindet. Lila-Brause-Flaschen und lila Gummistiefel werden haufenweise bei Albert angeschwemmt. Diese Farbe sticht im restlichen Farbkonzept der Insel heraus. Daraus ergab sich logischerweise, dass die Stadt selbst schon übermäßig lila verseucht sein muss, damit die Folgen davon auf der Insel ankommen. Also haben wir den Fluss Richtung Stadt schon lila eingefärbt, die Gassen vor Ort mit Flaschen und Gummistiefeln überhäuft und die StadtbewohnerInnen sind schon vollständig der Brause- und Gewinnspielsucht verfallen. Die Idee, die Stadt mit einfachen Mitteln zu verfremden, hatte ich schon während der Stoffentwicklung. Ich wollte der Stadt diese grauen Kästen überstülpen, um das Gefühl zu vermitteln, dass sich insgesamt etwas Ungutes auf sie gelegt hat. Dafür haben der DoP Conrad Lobst und ich in der Postproduktion mit der Leipziger Firma blendFX zusammengearbeitet. Sie haben per VFX jedes Haus ab dem ersten Stock mit abstrakten Kuben erweitert, die so diesen Parallelwelt-Look erzeugen. Mit VFX haben wir dem Märchen aber auch ein wenig Magie eingehaucht, durch die Luft schwebende Blütenpartikel sind immer mal wieder Auslöser für entscheidende Momente im Film.

Wie war es mit einem Huhn zu drehen?

Da das Huhn Eugenie ja sogar eine Hauptrolle spielt, haben wir mit einem professionellen Tiertrainer zusammengearbeitet. Er hat uns dazu geraten mit mehreren gleichfarbigen Hühnern zu arbeiten, denn ein Huhn kann nur eine Einstellung pro Tag drehen. Er hat dann fünf Hühner von seinem Hof daran gewöhnt allein unter Menschen zu sein, und jedes Einzelne hatte ein besonderes Talent: ein Huhn konnte besonders gut sitzen bleiben, eins gut rennen, ein anderes wurde an die Bootsfahrt gewöhnt usw.. Die nahen Huhn-Einstellung haben wir mit der doppelten Anzahl Bildern pro Sekunde gedreht, da sie sich wirklich sehr schnell bewegen. Das hat im Schnitt dann etwas geholfen, aber dass Hühner wirklich, wirklich nur einen Gesichtsausdruck haben, war mir auch erst danach so richtig bewusst – aber mit viel Fantasie geht alles. 

Deine Besetzung, neben dem Huhn, ist auch gut ausgewählt – hast Du sie klassisch über ein Casting gefunden?

Britta Horn und Daniel Krauss

Dafür habe ich mit Casting Director Karimah El-Giamal zusammengearbeitet. Daniel Krauss habe ich schon sehr früh in der Rolle Albert gesehen und dann haben wir in Berlin ein Konstellationscasting gemacht. Dabei war sehr schnell klar, dass Britta Horn die perfekte Emiliana ist. Stück für Stück kamen dann auch die Nebenrollen dazu, mir war es bei allen wichtig, dass jede/r eine gewisse Besonderheit für das Märchenfeeling mitbringt. Die Figuren sollen ja alle wie etwas entrückt von dieser Welt wirken und sehr vom eigenen Interesse aus getrieben sein. Die Herausforderung bei den Hauptrollen war, dass sie trotz ihrer großen Unterschiedlichkeit (sich dem Zufall hingeben <–> alles ins kleinste Detail planen) ganz klar wie füreinander gemacht sein sollten. Erst nachdem sie jede/r etwas von ihrer Lebensweise abrücken und sich auf den anderen einlassen, kommen beide zusammen zu ihrem Glück.

Ich hab Deinen Film in einem Kinderprogramm gesehen – hast Du es Dir beim Konzipieren bereits für junge ZuschauerInnen ausgedacht?

Daniel Krauss

Nein, ich habe „Der Hauptgewinn“ nicht als Kinderfilm geschrieben. Er läuft ja weltweit auf Filmfestivals, nur im deutschsprachigen Raum landet er hin und wieder im Kinderfilmwettbewerb. Ich habe mich für den Stoff zwar von diesem Kinderspielhaus inspirieren lassen, wollte aber nie eine Kindergeschichte erzählen. Für mich behandelt „Der Hauptgewinn“ sehr verschiedene Themen, die uns Erwachsene umtreiben und verpackt diese in eine sehr bunte Parallelwelt. Wie funktioniert das Verlieben genau, gibt es Wege das sichtbar zu machen? Und was ist wahre Freundschaft (bebildert zwischen Mensch und Huhn), gibt es so etwas wie Zufälle oder steckt hinter allem ein großer Plan? Und besonders wichtig ist mir, wie es später zur Lösung kommt: ein Aufeinander zugehen, ein Hände reichen führt zum Ziel und auch zum wahren Glück, zum wahren Hauptgewinn. Das ist sehr universell und gilt ja nicht nur für Beziehungen zwischen einzelnen Menschen, im Moment sind Fronten zwischen ganzen Menschengruppen ja sehr verhärtet. Da wünsche ich mir ein bisschen mehr Rücksicht und Kompromissbereitschaft. Natürlich findet sich auch Konsumkritik darin und welche Ziele, die wirklich erstrebenswerten sind. Wahrscheinlich ist „Der Hauptgewinn“ einfach ein Film für die ganze Familie? Das freut mich natürlich, denn so sehen ihn noch viel mehr Menschen und jede/r ZuschauerIn kann sich etwas für sich passendes daraus mitnehmen.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir und Deiner Liebe zum Film erzählen?

Ich habe ja an der Bauhaus Uni in Weimar Mediengestaltung studiert und das ist erstmal gar kein konkreter Filmstudiengang. Hier habe ich mich in unterschiedlichen Medien ausgetobt, Print, Ausstellungskonzepte, Spieledesign etc. Meinen ersten Kurzfilm „Ein Augenblick“ habe ich dann 2009 gedreht und dank dem durfte ich zu vielen Kurzfilmfestivals reisen. Da habe ich dann erst so richtig erfasst, was im Film so möglich ist und auch gemerkt, dass dieses Medium für mich die richtige Ausdrucksform ist. Wenn ich Geschichten schreibe, habe ich sofort die Bilder dazu im Kopf, ich bin ein sehr visueller Mensch und liebe Details. Meine Geschichten sind oft ein wenig neben der Spur, oder zeigen mal eine ganz andere Perspektive. Was mir beim Filme machen aber am meisten Spaß macht, ist die Teamarbeit. Ich durfte durch die vielen Kurzfilme schon mit so vielen kreativen Köpfen zusammenarbeiten und wenn die Wellenlänge stimmt, wird das Ergebnis immer noch viel schöner, als ich es mir alleine ausdenken kann. Ich bin sehr dankbar für all die Erlebnisse mit so unterschiedlichen Menschen, die mir meine Filme in den verschiedenen Stadien (Entwicklung, Produktion und Auswertung) schon gebracht haben. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Im Moment starte ich gerade in ein Stipendium, in dem ich mein neues Projekt „Kalte Füße“  (AT) zu einem Konzept entwickeln möchte, dass ich Produktionsfirmen vorstellen kann. Es soll eine achtteilige fiktionale Serie mit Folgen á 20 Minuten werden. Es wird inhaltlich ‚um zwei ganz spezielle und sehr unterschiedliche KlimaschutzaktivistInnen gehen, die sich in der Unmöglichkeit treffen und eine Freundschaft auf der Basis von blauem Speiseeis schließen – kurz bevor es schmilzt. Und ganz entfernt wird es auch um Pinguine und Eisbären gehen. In ganz kurz: … um Gegensätze, die sich brauchen, um nicht unterzugehen. Im Kleinen, wie im Großen.‘

Für Kinder habe ich aber auch etwas in petto: Zusammen mit dem Trickfilmemacher Uli Seis habe ich den Mitmalfilm erfunden. Im Oktober 2020 kam im Migo Verlag (Verlagsgruppe Oetinger) das Mitmalfilm Malbuch „Claude Momäh und die große Leinwand“ heraus, damit können selbst gemalte Bilder in hochwertige Zeichentrickfilme verwandelt werden. Das gibt’s im Buchhandel und direkt bei uns bei den Mitmalfilm Malbüchern 

Mehr Infos über meine Projekte und Tätigkeit als Autorin und Regisseurin gibt es auf der Website von Alice von Gwinner 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Der Hauptgewinn

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