Neun Fragen an Nicola Graef

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© Valeria Mitelman

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Nicola Graef konnten wir mehr über ihren Dokumentarfilm „Eine einsame Stadt“, welche ihre Premiere auf dem 63. DOK Leipzig hatte, erfahren. Sie erzählt wie sie zu dem Thema kam, wie Einsamkeit eine große Rolle im Stadtleben spielt, wie sie ihre ProtagonistInnen fand und wie sie es schaffte, dass sie so offen zu ihr sind. 

Was war der Auslöser, einen Film über die einsamen Menschen in der Hauptstadt zu drehen?

Ich bin der Meinung, dass die meisten Themen einen zweiten Blick aus einer anderen Perspektive benötigen. Berlin gehört für mich zu dieser Art Themen. Berlin ist die Stadt, in der ich schon lange lebe und arbeite, und die eine bestimmte Wirkung nach außen transportiert – „arm aber sexy“. Alle kennen den Slogan des ehemaligen Bürgermeisters Wowereit. Eine Stadt, in der man Party macht, die niemals schläft. Und all das stimmt auch. Aber es gibt natürlich auch noch eine andere Seite, bei der Berlin ein Synonym für alle großen Ballungszentren ist. Ich nenne es mal das Psychogramm dieser Stadt. Die Unverbindlichkeit und Anonymität, die in dieser Stadt mindestens genauso stark erlebt werden. Faktoren, die sich massiv auf das Innenleben, die Binnensicht auswirken. Ja, man kann ganz schnell viele Menschen kennenlernen, aber das bleibt auch oft auf einem unverbindlichen Niveau. Es stellt sich heraus, dass es sehr schwer ist, dauerhaft Nähe herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Mir ist in den letzten Jahren auch aufgefallen, dass sich immer mehr Menschen auf der Straße mit sich selbst unterhalten oder allein am Fenster sitzen. Je mehr man eigentlich einsteigt in dieses Thema, beobachtet, desto mehr Menschen trifft man, die von dieser Erfahrung berichten. Das war dann für mich der Auslöser, zu sagen, diesen Beobachtungen gehst du nach und begibst dich in eine konkrete Recherche. Und da mich soziale Themen ohnehin sehr beschäftigten, seit ich Filmemacherin, Prodozentin und Journalistin bin, war dann irgendwann klar, dass ich diesem Gespür, dieser Intuition nachgehen möchte.

Und dann hast du begonnen mit Deinen Recherchen? Wo und wie hast Du Deine ProtagonistInnen getroffen?

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Als ich begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen, wurde schnell klar, dass viele Aspekte zur Einsamkeit, zum Alleinsein gehören. Nicht zufällig wurde aus Depression eine Volkskrankheit. Das hat auch viel mit Bindungslosigkeit – ob nun Partnerschaft oder Freundschaft – zu tun. Der Verlust von verbindlichen Beziehungen zu Menschen ist allgegenwärtig und doch unsichtbar. Verstärkt durch die Digitalisierung, welche von Unverbindlichkeit lebt. Die Vernetzung führt ja nicht wirklich zu echter Nähe und kein Mensch kann ohne Intimität oder analoge Nähe leben. Einsamkeit hat aber mit anderen Aspekten zu tun: mit Angst, zu versagen, mit schlechten Erfahrungen, mit Überforderung, oder schlicht nicht zu wissen, wer man ist, wohin man gehört.

Ich habe mich dann gefragt, welche Aspekte sind mir besonders wichtig, wer repräsentiert was? Ich habe mich zunächst in meinem eigenen Umfeld umgeschaut. In meinem Lieblingscafé begegnete mir z.B. immer Efraim, ein 85-jähriger Junggeselle, der gerne spontan Opern trällert. Durch einen Kellner konnte ich den Kontakt herstellen und eine Woche später saß bei ihm im Wohnzimmer und habe mich mit Ephraim lange unterhalten. Ein wahnsinnig interessanter Mann, mit einer bewegenden jüdischen Geschichte, der sich mit seiner Einsamkeit sehr gut arrangiert hatte und mir auch den Unterschied deutlich machte, von Einsamkeit und Alleinsein. Dann wollte ich das Thema mit einer Alleinerziehenden ausloten. Was bedeutet es, wirklich alleine mit einem kleinen Kind zu leben? Welche Ängste begleiten einen, wie ist es, das Großwerden eines Kindes ohne Partner zu erleben, wenn der Vater des Kindes tatsächlich nicht anwesend ist? Wir haben Kitas angeschrieben und so habe ich Gesa getroffen. Schließlich fragte ich mich: wie wird man in einer Partnerschaft einsam? Wieslawa kannte ich auch schon lange als Yogalehrerin. Sie lebte mit ihrem an Demenz erkranktem Mann zusammen, das macht einsam. Micha, der Gewichtheber, der mit 70 alleine lebt und sehr traurig ist, lernte ich ebenfalls an einem Ort kennen, an den ich vorher kannte. So habe ich die Protagonisten durch eine Mischung aus meinem Leben und Recherchen getroffen.

Es gibt ja in meinem Film auch Menschen, die eher en passent vorkommen, die für ein bestimmtes Gefühl stehen. Wie z.B. lebt man in einem Hochhausumfeld? Ich dachte dabei schnell an Hausmeister, die viel mitbekommen. Marzahn ist in Berlin einer der Stadtteile mit den meisten Hochhäusern und so traf ich dort die beiden Hausmeister. Ich wollte wissen, ob Anonymität einem solchen Ort die Symptome noch verstärkt. An die Menschen in der Eckkneipe, einem typischen Berliner Ort einsamer Seelen, bin ich über die Wirtin selbst gekommen. Ich wollte von Anfang das umfassende Kaleidoskop eines Gefühls zeigen. Unabhängig von Alter, Herkunft und Biografie. Es betrifft uns alle. So eben auch die ganz jungen Leute, wie Tessa, die als Studentin keinen Anschluss fand.

Mir war auch wichtig, dass der Film nicht durchweg traurig oder deprimierend ist. Das würde ja kein Zuschauer aushalten. Kleine feine Stimmungen, Liebenswürdigkeiten, eher stillere Beobachtungen waren mir wichtig. Und ich wollte auch zeigen, wie Menschen einen Ausweg suchen. Wie z.B. der Künstler Thomas, der nach einer Trennung neuerdings alleine ist, aber dennoch offen für andere Menschen. Die 20jährige Tessa durchläuft auch eine Wandlung. Sie entscheidet sich aktiv für einen neuen Lebensweg, der ihr aus der Einsamkeit hilft.

Der Film soll auch zeigen, dass es Möglichkeiten gibt, sich aus diesen Situationen, in denen man sich gefangen fühlt, heraus zu kommen.

Mir ist aufgefallen, dass die soziale Medien, die Du vorhin auch erwähnt hast, wenig vorkommen. Ich hätte gedacht, dass sie viel mehr Einfluss auf die Menschen haben, z.B. auf die junge Tessa. Warum hast Du sie relativ außen vor gelassen?

Natürlich machen die sozialen Medien auch einsam, keine Frage. Aber ich fand das Thema ausreichend dargestellt mit der Studentin Tessa. Mir ihr hatte ich eine typische junge Frau aus der Generation der „Digital Natives“, die viel Zeit in den sozialen Medien verbringt, dort eine Community hatte, aber im richtigen Leben sehr einsam war. Wie kann es sein, dass jemand in diesem Alter, an der Uni studiert einsam ist? So kam ich mit vielen Studierenden ins Gespräch und stellte fest, dass Tessa keine Ausnahme ist. Viele kommen mit einer ungeheuren Erwartungshaltung nach Berlin und stellen dann erst fest, dass die Stadt nicht zu ihnen oder sie nicht zur Stadt passen. Das hat mir dann tatsächlich gereicht für diesen Aspekt, der visuell auch nicht so spannend ist.

Wie hast Du es geschafft, dass sie offen mit Dir sprechen und auch ihre verletzliche Seite wie Micha zeigen?

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Ich arbeite ja seit vielen Jahren mit Menschen für meine Filme zusammen und habe festgestellt, wenn ich ihnen offen begegne, öffnen sie sich auch mir gegenüber. Es ist eine Art Teamarbeit – wir nähern uns gemeinsam an. Gegenseitiger Respekt ist besonders wichtig und wahres Interesse an dem, was mir mein Gegenüber erzählt. Gerade bei diesem Thema geht es ja auch viel um Wahrnehmung, Zuhören, Verständnis. Fragen, das begleitet mich mein Leben lang. Es werden viel zu wenige Fragen gestellt.

Aber hier und da war es auch nicht so einfach. Micha stammt aus einer Generation von Männern, die nicht über sich oder gar ihre Gefühle reden. Seine Kumpels haben ihm total abgeraten und waren dann sehr überrascht, dass er bei so einem Film mitmacht. Ich habe ihm aber erklärt, dass er mit Verhaltensänderungen und mit dem Sprechen über sich auch Dinge aufbrechen kann, auch bei anderen. Dass es besser ist, Gefühle auszusprechen, statt sie in sich hinein zu fressen, davon war ich schon immer überzeugt. Und wenn dir dann dein Gegenüber Offenheit zeigt, kann man das auffangen und darf es niemals auszunutzen. Und das spüren die Menschen, wenn sie mit mir arbeiten und das hilft.

Über welchen Zeitraum insgesamt hast du den Film realisiert?

Der Ursprung der Projektidee liegt schon lange zurück. Zuerst musste ich die Sender von meiner Idee überzeugen. Zusammen mit der erfahrenen SWR Dokumentarfilm-Redakteurin Gudrun El Ghomri habe ich lange am Exposé gearbeitet. So konnten wir ARTE überzeugen. Diese ganze Entwicklungsphase hat schon um die anderthalb Jahre gedauert. Danach folgte die Drehphase von knapp zwei Jahren und parallel immer wieder der Schnitt. Ich mache das sehr oft bei langen Filmen, dass ich immer mal wieder schneide, um auch ein Gefühl für das Material zu bekommen. Was fehlt mir noch oder brauche ich vielleicht noch jemanden oder gebe ich jemandem, den ich jetzt begleite, vielleicht doch noch mehr Raum? Es ist ja, gerade wenn man einen Episodenfilm macht, nicht immer einfach zu überblicken, weil man zwar alles im Kopf hat, aber der eigentliche Film erst im Schnitt entsteht.

Haben die ProtagonistInnen Deinen Film schon gesehen?

Nein, leider nicht. Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir das mit der DOK Leipzig verbinden können und gemeinsam die Premiere erleben. Das war leider nicht möglich und auch alle anderen nachfolgenden Termine mussten wegen der Pandemie abgesagt werden.

Mir ist es aber ein wahnsinniges Bedürfnis, den Film gemeinsam mit ihnen im Kino zu sehen. Das habe ich immer so gehandhabt, dass die Beteiligten erst den Film bei der Veröffentlichung sehen. Da ein Filmprojekt auch immer Vertrauenssache ist. Falls sich der Premierenstart noch weiterverschiebt, miete ich vielleicht ein Kinosaal und schau ihn mir mit ihnen und meinem Team zusammen an. Der Film ist zum ersten Lockdown fertig geworden, dadurch bekam er nochmal eine andere Relevanz, aber ich leider keine Möglichkeit ihn zu zeigen, obwohl er perfekt in die Zeit passt.

Die Corona-Situation hat die Situation vieler Menschen nochmal verändert, teilweise sogar verschärft. Wie hast Du das erlebt?

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Ja, das muss man ganz klar sagen. Die Pandemie hat die Einsamkeit verschärft. Ich bin mit einigen der Protagonisten immer noch im Austausch und Menschen wie Micha und Ephraim, die jetzt nicht mehr an ihre gewohnten Orte gehen können, sind auf sich selbst zurückgeworfen, weil ihnen ihre Inseln (der Sportclub, das Café) quasi weggebrochen sind. Ihre Gewohnheiten und Rituale, die sie auch unter Menschen gebracht haben, sind jetzt nicht mehr da. Diese Krise wird definitiv nicht spurlos vorübergehen. Hier entstand eine ganze neue Form der Einsamkeit. Man leidet unter einem enormen Energieverlust, weil man nur Warten und nicht Handeln kann. So deprimierend und müde habe ich diese sonst so pulsierende Stadt noch nie gesehen.

Ich habe noch eine Frage zur Ausgestaltung deiner Bilder. Hattest Du eine visuelle Richtschnur, an der Du Dich orientiert hast? Mir ist aufgefallen, dass Du, neben den nahen Interviews, die ProtagonistInnen auch gerne erstmal in ihrer Umgebung zeigst.

Es geht um den Kontrast zwischen Außenwelt und Innenleben. Diese Mischung ist auch visuell wichtig: Ich brauche groß angelegte Bilder, die auch im Kino wirken, auf der anderen Seite ist Intimität wichtig. Die Nähe zu den Protagonisten gehört ganz wesentlich zu meinen Filmen. So entsteht die Symbiose von Ferne und Nähe und auch der Blick aus zwei Perspektiven, den ich sehr bewusst gewählt habe. Außen- und Innenwahrnehmung. Die große Stadt und die Menschen in ihr. 

Eine Frage noch zum Schluss: Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, so ist das immer. Neben meiner Arbeit als Regisseurin arbeite ich ja auch als Produzentin.  Zusammen mit einer Firmenpartnerin [Anm. d. Red. Susanne Brand] produzieren wir momentan mit unserer Firma Lona•media um die 20 Filme. Zudem arbeite ich selbst als Regisseurin parallel immer an verschiedenen Fernsehprojekten. Da es sich fast immer um Langzeitbeobachtungen handelt, drehe ich fast immer parallel verschiedene Filme. Ich habe einen Film über Frauen, die das Kopftuch freiwillig und bewusst tragen gedreht, einen Film über junge Jüdinnen, und gerade sitze ich im Schnitt für eine Arte Serie über Kunst und Provokation. Ein neues Projekt für die ARD mit dem Arbeitstitel ‘Kinder in der Krise’ ist in Arbeit. In dem beschäftige ich mich zusammen mit Nadja Kölling mit der Frage, wie es sich für die 18-25jährigen anfühlt in einer Zeit voller elementarer Fragen und Krisen wie Corona, Rassismus, Migration, Klima und Feminismus heranzuwachsen. Das interessiert mich sehr. Ich möchte ihnen unbedingt eine Stimme verleihen. Ganz aktuell begebe ich mich das erste Mal auf fiktionale Pfade und entwickle für die ARD mit einem Team eine mehrteilige Serie für das Hauptabendprogramm. Entstanden ist diese Idee aus einem Dokumentarfilm (mit Florian Huber) über die ersten beiden deutschen Raumfahrer, Sigmund Jähn und Ulf Merbold. Beide kamen aus der DDR aus dem Vogtland, Merbold wurde zum Republikflüchtling und flog als erster Westdeutscher mit den Amerikanern ins All, Jähn als linientreuer DDR-Bürger mit den Russen fünf Jahre vor ihm, Anfang der 70er Jahre. Die beiden verbindet eine unglaubliche gemeinsame Geschichte. Derzeit arbeite ich mit einem Team am Drehbuch. Neuland und sehr aufregend. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Films „Eine einsame Stadt

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