„12 Years a Slave“ (2013)

Filmkritik: Der Spielfilm „12 Years a Slave“ (OT: „12 Years a Slave“, 2013, USA/UK) von Steve McQueen konnte auf der 86. Oscarverleihung, welche am 2. März 2014 im Dolby Theatre in Los Angeles stattfand, drei der insgesamt 19 0scars, u.a. den für ‚Besten Film‘, mit nach Hause nehmen und setzte sich damit in der Hauptkategorie gegen Filme wie „Dallas Buyers Club“ (2013), „Gravity“ (2013), „Her“ (2013) und „American Hustle“ (2013), der im Gesamten als der große Verlierer des Abends galt, durch. 

Ellen DeGeneres

Selfie von Ellen DeGeneres bei der Oscarverleihung 2014

Durch den Abend führte die Schauspielerin Ellen DeGeneres, eine von zwei Frauen, welche bisher die Oscars allein moderieren durften. Im Gedächtnis blieb dabei das Selfie, was sie mit vielen Hollywoodlegenden, u.a. auch mit Meryl Streep, aufnahm. Insgesamt wurden in 19 Kategorien Preise vergeben. „12 Years a Slave“ war für neun Trophäen nominiert und konnte davon nur die für den ‚Besten Film‘, das ‚Beste adaptiertes Drehbuch‘ und die ‚Beste Nebendarstellerin‘ gewinnen. So war er der zweite Film in Folge (im Jahr davor war es „Argo“), der zwar mit den Oscars für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ und als ‚Bester Film‘, aber nicht für die ‚Beste Regie‘ ausgezeichnet wurde. Zudem war es der erste Film mit einer arabischen Zahl im Titel und erst der fünfte überhaupt mit einer Ziffer im Namen. Doch am meisten hervorzuheben ist der Fakt, dass es der erste ‚Beste Film‘ war, der aus der Hand eines schwarzen Regisseurs stammte. 

Chiwetel Ejiofor

Der Inhalt: Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) ist ein freier Afroamerikaner, lebt zusammen mit seiner Frau und Kindern im Bundesstaat New York ein gutes Leben und geht seinem Beruf als Geiger nach. Als er 1841 nach einem lukrativen Auftritt in Washington aufwacht, ist er in Ketten und wurde von seinem Auftraggeber in die Sklaverei verkauft. Nach dem er durch den Sklavenhändler Theophilus Freeman (Paul Giamatti) gefügig gemacht wurde, wird er nach New Orleans transportiert. Dort wird er an den gutmütigen aber finanziell stark angeschlagenen Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) verkauft. Auf dessen Plantage gerät Solomon, der jetzt Platt genannt wird, mit dem Aufseher Tibeats (Paul Dano) zusammen, so dass Ford bald gezwungen ist, Northup an den brutalen Besitzer Edwin Epps (Michael Fassbender) zu verkaufen, der sich im Suff oft an den Plantagenarbeiter:innen u.a. an Patsey (Lupita Nyong’o) vergeht. Solomon träumt trotzdem über all die Jahre hinweg davon, zu seiner Familie zurückzukehren.

Chiwetel Ejiofor

Der Film beruht auf dem gleichnamigen, autobiographischen Werk (1853) von Solomon Northup (1808-1863). Im Gegensatz zu dem beinah zeitgleich erschienenen Buch „Onkel Toms Hütte“ (1852) von Harriet Beecher Stowe (1811-196) hat das Buch aufgrund seiner drastischen Schilderungen und seines unversöhnlichen Tons keinen festen Platz in der Literaturgeschichte, obwohl es sich zu der Zeit gut verkaufte. Dabei ist es ein einmaliges Zeugnis der Zeit. Denn in den letzten Jahren der Sklaverei, bevor sie 1863 abgeschafft wurde, kam es häufig dazu, dass Menschen aus dem Norden entführt und verschleppt wurden. Nur selten gelang jemandem die Flucht und konnte so darüber berichten. So sind Solomon Northups Beschreibungen, welche auch in Deutsch übersetzt wurden, ein bewegendes Zeitdokument. Trotzdem geriet es in Vergessenheit, was sich aber nach dem Film wieder ändern sollte. So gehörte auch Steve McQueen (*1969), der Regisseur von Filmen wie „Shame“ (2011) und „Widows“ (2018), zu den Menschen, die nicht von dem Buch gehört hatten, bis seine Frau Bianca Stigter ihn darauf aufmerksam machte. Geschockt, dass er es nicht kannte, beschloss er es zu verfilmen. Er verglich das Buch dabei mit dem „Tagebuch der Anne Frank“ (1947) und war verwundert darüber, wie unterschiedlich Länder mit ihrem geschichtlichen Erbe umgehen. 

Chiwetel Ejiofor und Paul Giamatti

Das Drehbuch für den Film schrieb der amerikanische Autor John Ridley (*1965), der u.a. auch Bücher für „Prince von Bel Air“ (1990-1996) „U-Turn“ (1997) und „Three Kings“ (1999) schrieb. Er ist auch selbst als Regisseur von Serien („American Crime“ (2015)) und Filmen („The Hunt“ (1997)) tätig. Gemeinsam mit dem Regisseur Steve McQueen schuf er eine gelungene Adaption des Stoffes und wurde dafür mit dem Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ ausgezeichnet. Der Film schreckt nicht davor zurück, die Folterungen und Gewalttätigkeiten zu bebildern und hält dabei schonungslos drauf. Dafür nutzt der Regisseur auch Plansequenzen, die ohne Schnitt am Geschehen festhalten und die Zuschauer:innen dazu zwingen hinzusehen. Diese Art der Inszenierung ist für seine Filme typisch – er macht durch und durch körperliches Kino, wie es auch schon bei seinem Film „Hunger“ (2008) zu sehen war. So beschäftigt sich der Brite eindrucksvoll mit dem Erbe der Amerikaner:innen und zeigt, dass es hier noch viel aufzuarbeiten gibt. Trotzdem besitzt der Film typische Hollywood-Elemente, so dass er beim Publikum wie bei den Kritiker:innen gut ankam.  

Michael Fassbender und Steve McQueen

Vom 27. Juni bis zum 13. August 2012 fanden die Dreharbeiten in New Orleans und Umgebung statt. So stimmt die Gegend mit dem Tatsachenbericht Northups überein. Zudem wurde auf vier ehemaligen Antebellum-Plantagen –  Felicity Plantation, Magnolia Plantation, Bocage Plantation und Destrehan Plantation – gedreht. Dem Team stand ein Budget von 20 Millionen Dollar zur Verfügung. Der Kameramann Sean Bobbitt wählte 35mm-Film und das Breitbildformat 2,35:1. Auf visueller Ebene entschieden sie sich für einen entsättigten Stil, der mit seiner Düsterkeit eher an Dokumentarfilme erinnert. Die Musik zum Film wurde von Hans Zimmer („Miss Daisy und ihr Chauffeur“ (1989), „Blade Runner 2049“ (2017), „Dune“ (2021)) komponiert. Diese unterstützt hervorragend die Bilder und die Stimmung des Films. Im Gesamten fand Steve McQueen eine Bildsprache welche sich perfekt an die Geschichte anschmiegt, so dass die drei Nominierungen für den ‚Besten Schnitt‘, das ‚Beste Kostümdesign‘ und das ‚Beste Szenenbild‘ mehr als gerechtfertigt waren.

Sarah Paulson und Michael Fassbender

Trotzdem lebt der Film natürlich auch von seiner Besetzung, so wurden auch aus dem Cast drei (Chiwetel Ejiofor, Lupita Nyong’o und Michael Fassbender) für einen Oscar nominiert. Allen voran überzeugt Chiwetel Ejiofor (*1977), der hier Solomon zum Leben erweckte und gleichermaßen die Ohnmacht wie den Kampfgeist zu verkörpern weiß. Für diese Rolle erhielt der britische Schauspieler Ejiofor, den man u.a. auch in „2012“ (2009) und „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (2022) gesehen hat, seine einzige Oscar-Auszeichnung bisher. Grandios besetzt sind die Nebenfiguren. Sei es nun die Verkörperung der Sklaven, allen voran Lupita Nyong’o (*1983), welche für ihre bewegende Darstellung den Oscar für die ‚Beste Nebendarstellerin‘ erhielt, oder die Arbeitgeber. Hier haben wir eine ganze Bandbreite von Plantagenbesitzern, deren Frauen oder Vorarbeiter und Aushilfen etabliert. Jeder von ihnen hat seinen Platz in dieser Gesellschaft eingenommen. Dabei gibt es das Menschliche, verkörpert vor allem durch den Wanderarbeiter Samuel Bass, gespielt von Brad Pitt („Once Upon a Time in Hollywood“ (2019), „Lost City“ (2022)) und dem Plantagenbesitzer, dargestellt von Benedict Cumberbatch („Sherlock“ (2010-2017), „Spider-Man: No Way Home“ (2021)) genauso wie viele verschiedene Stufen von Machtmissbrauch (Paul Dano („Little Miss Sunshine“ (2006)) als Vorarbeiter John Tibeats) und Gewalttätigkeit (Paul Giamatti („Saving Mr. Banks“ (2013)) als Sklavenverkäufer). In diesem Kanon der Gewalttätigkeit sticht besonders das Ehepaar Epps hervor, gespielt von Sarah Paulson („Ratched“ (2020)) und Michael Fassbender („X-Men“ (2011), „The Light between the Oceans“ (2016)). Beide sind in ihrem Kern schlechte Menschen und , getrieben von ihren Gelüsten oder Missgunst, zum absoluten Bösen bereit. Ihr Spiel frisst sich ins Mark der Zuschauer:innen und liefert die schlimmsten Szenen des Films. 

Lupita Nyong’o und Chiwetel Ejiofor

Die Premiere des Films fand auf dem 38. Toronto International Film Festival statt. Dort gewann er den People’s Choice Award. Danach folgten zahlreiche weitere Nominierungen und Gewinne auf diversen Festivals und Award-Veranstaltungen. Unter anderem bekam er New York Film Critics Circle Award für die ‚Beste Regie‘, einen Golden Globe für das ‚Beste Filmdrama‘ und zwei British Academy Film Awards für den ‚Besten Film‘ und den ‚Besten Hauptdarsteller‘.

Fazit: „12 Years a Slave“ ist der dritte Spielfilm von Steve McQueen. Basierend auf einem Tatsachenbericht aus dem Jahr 1853 schuf er ein eindringliches Portrait der amerikanischen Sklaverei in ihren letzten Atemzügen mit allen festgefahreren Traditionen, Unmenschlichkeiten und Brutalität. Packend erzählt und inszeniert findet der Film den richtigen Look und eine großartige Schauspielerriege, welche die Figuren authentisch zum Leben erwecken, diese Zeit greifbar macht und es so schafft, dass der Spielfilm tief berührt.

Bewertung: 8/10

Trailer des Films „12 Years a Slave“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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