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Filmkritik: Der 13. Spielfilm des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos ist der Episodenfilm „Kinds of Kindness“ (OT: „Kinds of Kindness“, Irland/UK/USA/Griechenland, 2024). Er kehrt mit dem 164-minütigen, drei Segmente umfassenden Film zu seinen Wurzeln abseits des gut verdaulichen Mainstreams zurück und fordert die Betrachter:innen heraus.
The Death of R.M.F.: Robert (Jesse Plemons) ist Angestellter bei Raymond (Willem Dafoe), aber nicht nur in beruflichen Fragen folgt er seinem Chef, sondern in allen Lebenslagen wie der Wahl des Essens und seiner Frau Sarah (Hong Chau). Doch als er eines Tages den Auftrag seines Chefs aus moralischen Gründen nicht erfüllen kann, wird er fallen gelassen und stürzt dadurch in ein unstrukturiertes Loch.
R.M.F. is Flying: Die Meeresforscherin Liz (Emma Stone) ist auf See verschollen. Als sie nach langer Zeit als eine der wenigen Überlebenden zu ihrem Mann Daniel (Jesse Plemons) zurückkehrt, ist dieser schnell überzeugt, dass das nicht seine Frau ist und fordert immer radikalere Liebesbeweise.
R.M.F. eats a Sandwich: Emily (Emma Stone) und ihr Kollege Andrew (Jesse Plemons) versuchen, eine Frau zu finden, die Tote wiederbeleben und Wunden heilen kann. Das machen sie im Auftrag ihrer spirituellen Führer Omi (Willem Dafoe) und Aka (Hong Chau), die ihnen auch die Bedeutung und den Reinheitsgrad von Wasser erklärt haben. Dabei trifft Emily auf aussichtsreiche Kandidatinnen, aber auch auf ihre Familie, die sie zurückgelassen hat.
Jede der drei Episoden steht für sich und würde auch als mittellanger Film – eine Kategorie, die es nur auf Festivals zu geben scheint – gut funktionieren. Gleichzeitig gehören sie aufgrund der Drehorte, der Schauspieler:innen und des Inhalts und ihrer Botschaften auch zusammen. Hier arbeitete der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos wieder mit seinem Landsmann Efthymis Filippou für das Drehbuch zusammen. Gemeinsam mit ihm hat er u.a. bereits „The Lobster“ (2015) und „The Killing of a Sacred Deer“ (2017) verwirklicht. Man ist auch überrascht, dass es schon wieder ein Lanthimos-Film in die Kinos geschafft hat. Das liegt daran, dass dieser Film schon länger geschrieben und auch abgedreht wurde und nun aber erst nach der Premiere in Cannes in die Kinos kommen ist. Was einen erwartet, ist ein Episodenfilm, der um die Themen Liebe, Macht, Verlust und das stetige zwischenmenschliche Miteinander vor allem in seinen hässlichen Ausprägungen handelt. Formen von Freundlichkeit, wie der Titel verspricht, findet man hier kaum. Viel des Miteinanders beruht auf Skepsis, Missgunst, Argwohn und wenn die strengen Auflagen der Beziehung verletzt werden, gibt es keine andere Chance als Trennung. Dabei haben sie in allen drei Episoden merkwürdige Story-Elemente ersonnen, die aber das melancholische Gefühl gut transportieren und von Zeit für Zeit in etwas Bedrohliches kippen lassen. Leichte Kinounterhaltung ist der Film keineswegs und er sitzt auch nach der 164-minütigen Sichtung lange im Magen. Auch was man genau gesehen hat, bedarf einer Einordnung. Kinogänger:innen die erst mit „Poor Things“ (2024) in Lanthimos‘ Werk eingestiegen sind, werden es hier schwer haben. Wer aber die früheren Arbeiten u.a. den Kurzfilm „Nimic“ (2019) von ihm kennt, kann erahnen, worauf man sich hier einlässt.
Der Stil ist dabei weniger fantasievoll als noch im historisch angehauchten „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (2019) oder bei dem jetzt schon oft erwähnten „Poor Things“. Es ist keine übertriebene Märchenwelt, sondern unsere Gegenwart. Dementsprechend sind auch die Spielorte, bis auf ein, zwei kleine Details aus dem Leben gegriffen. Sie haben rund um New Orleans (Louisiana) gedreht. Doch auch wenn es im Hier und Jetzt verortet ist, bedeutet das nicht, dass es unserer Realität entspricht oder weniger Wert auf Bildkompositionen gelegt wurde. Der Kameramann Robbie Ryan, auch ein langjähriger Begleiter Lanthimos‘, schuf eindringliche Bilder, die kompositorisch und farblich abgestimmt sind. Die Platzierung der Figuren im Bild, die Wahl der Kleidung und auch der pointierte Musikeinsatz, der vor allem in seinem anschwellenden choralen Einsätzen besonders auffällt, ist nicht dem Zufall überlassen. So sind die Bilder das starre Korsett, in dem die Figuren sich schwer bewegen können. Sie wirken wie gefangene Tiere, die nur schwer ausbrechen können. Nur Willem Dafoes Figuren scheinen manchmal über den Ereignissen zu stehen.
Die Besetzung ist bis in die Nebenrollen hervorragend, dabei übernehmen die Darsteller:innen in allen Episoden mal einen kleineren oder größeren Part. Emma Stone („Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“ (2014), „La La Land“ (2016), „Maniac“ (2018)) ist natürlich auf Anhieb ein Pull-Faktor für den Film und sie durfte sich hier auch im Stil und Verhalten richtig austoben: Ob sie sich für ihre Liebe einen Finger abschneidet oder einen Siegestanz vollführt. Doch der eigentliche Star des Films ist Jesse Plemons, der bisher in Filmen wie „I’m Thinking of Ending Things“ (2020), „The Power of the Dog“ (2021) und „Killing of the Flower Moon“ (2023) auffiel, und in Cannes auch mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde. In jedem der drei Filme schlüpft er in ein neues Gewand. All seine Figuren umspielt eine nervöse Unruhe, eine stetige Wachsamkeit und ein Nicht-Glauben-Wollen. Man weiß als Zuschauer:in nie genau, woran man bei ihm ist. Weitere Rollen übernahmen Willem Dafoe („Platoon“ (1986) „Die Tiefseetaucher“ (2004), „Der Leuchtturm“ (2019)), Hong Chau („Downsizing“ (2017), „The Whale“ (2022)), Margaret Qualley („Once Upon a Time in Hollywood“ (2019)), Mamoudou Athie („Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ (2022)) und in einer Episode trifft man auf Hunter Schafer („Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds and Snakes“ (2023), „Cuckoo“ (2024)).
Fazit: „Kinds of Kindness“ ist der 13. Spielfilm des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, der hier zu seinen Anfängen der mysteriösen Erzählung zurückkehrt. Die drei Episoden, die auch eigenständig funktionieren, sind dabei fantastisch bebildert und komponiert. Die unterschwellige Musik und die herausragende Besetzung machen den Film zu einem Erlebnis, das aber die Beschwingtheit seiner Vorgängerfilms vermissen lässt und darauf muss man sich einlassen wollen.
Bewertung: 8,5/10
Kinostart: 4. Juli 2024
Trailer zum Film „Kinds of Kindness“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „Kinds of Kindness – Wikipedia“
- Anke Leweke, ‚„Kinds of Kindness“: Man weiß nicht, was soll es bedeuten‘, zeit.de, 2024
- Susanne Burg, ‚„Kinds of Kindness“ im Kino: Yorgos Lanthimos im Gespräch‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024
- Patrick Seyboth, ‚Kritik zu Kinds of Kindness‘, epd-film.de, 2024
- Pamela Jahn, ‚Versuchsanordnung‘, ray-magazin.at, 2024
- Rüdiger Suchsland, ‚Neuer Lanthimos-Film „Kinds of Kindness“: Inhaltsleer ohne nachhaltige Irritation‘, swr.de, 2024
- Podcast Pop Culture Happy Hour, ‚In ‚Kinds of Kindness,‘ the cruelty is the point‘, npr.org, 2024
- Jörg Albrecht, ‚Neue Filme: Kinds of Kindness, Ein Leben für die Menschlichkeit – Abbé Pierre‘, deutschlandfunk.de
- Anke Leweke, ‚Filme der Woche: „Kinds of Kindness“ und „Kein Wort“‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024
- Der Tele-Stammtisch, ‚Kinds of Kindness | Verliebt in die Epidermis von Jesse Plemons‘, tele-stammtisch.de, 2024
- Truth & Movies, ‚Kinds of Kindness | A Quiet Place: Day One | Short Cuts (1993)‘, acast.com, 2024
- Anna Wollner & Tom Westerholt, ‚Eine Stunde Film – Deutschlandfunk Nova · Blockbuster-Fortsetzung – „Beverly Hills Cop“: Das Geheimnis (s)eines Erfolgs‘, ardaudiothek.de, 2024
- Susanne Burg, ‚Interview mit Yorgos Lanthimos‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024




