Sieben Fragen an Aqsa Altaf

Interview: Im Gespräch mit der in Kuwait geborenen Filmemacherin Aqsa Altaf konnten wir mehr über ihren Film „One Small Step“, der im Internationalen Wettbewerb des 20. Landshuter Kurzfilmfestival lief, erfahren. Sie erzählt uns von der Entwicklung der Geschichte bis hin zur Realisierung und wie es sich anfühlt vor allem mit Kinderdarstellern zu arbeiten.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir zur Entstehung der Geschichte Deines Kurzfilms „One Small Step“ erzählen, geschrieben von Travis Rush und wie weit Deine eigene Erfahrungen damit drin stecken?

Das Hauptthema der Geschichte dreht sich um schwierige Entscheidungen – Entscheidungen, die nicht unbedingt als gut oder schlecht eingestuft werden können. Travis hat einen tollen Job gemacht, das in jeder Szene deutlich zu machen. Die Emotion und Menschlichkeit fand bei mir Anklang – ich unterstützte meine fünfköpfige Familie vier Jahre lang finanziell. Ich arbeitete in drei verschiedenen Jobs, sieben Tage die Woche, um über die Runden zu kommen. Jeden Tag dachte ich, dass die Dinge besser werden würden, wenn ich härter arbeiten würde, bis mir eines Tages klar wurde, dass ich für immer versuchen würde, ein sinkendes Schiff zu retten, wenn ich nicht die Entscheidung treffe, an das Gesamtbild zu denken. Ich traf die Entscheidung, in die USA zu ziehen – eine Entscheidung, die sich zunächst wie der größte Fehler anfühlte, sich aber als der größte Segen erwies. Eine Entscheidung, die mich zunächst mit Schuldgefühlen erfüllt hat, sich aber als meine Berufung herausstellte. Ich und meine Familie sind an einem besseren Ort – physisch und eigentlich am wichtigsten auch geistig. Die Hauptfigur dieser Geschichte trifft am Ende des Films eine ähnliche Entscheidung – eine Entscheidung, die bestimmen wird, wer sie eines Tages werden wird. Es geht darum, erwachsen zu werden und zu erkennen, ob man sich von seinen Umständen definieren lassen will oder ob man eine eigene Identität schaffen will. Ich fühlte das unmittelbare Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen und dieses Bedürfnis traf auf eine Gelegenheit, als dieser Film auf mich zukam. 

Ich hatte die Idee für diesen Charakter und eine vage Geschichte im Kopf. Da dieser Film Teil meines USC-Abschlussfilms war, durften wir aber keine eigenen Filme schreiben und dann Regie führen. Also arbeitete ich mit Travis zusammen, um das Drehbuch zu schreiben, und er war der perfekte Autor, um diese Idee umzusetzen.

Kannst Du mir mehr von den filmischen Vorbildern erzählen, welche Dich beeinflusst haben?

Die Hauptinspiration für diesen Film war „Short Term 12“. Es war einer dieser zurückhaltenden, minimalistischen Filme, in denen es um naturalistisch gedrehte Charaktere geht, bei denen Form und Prozess der Performance und Geschichte nicht im Wege stehen. Mein Stil hatte als Doc-Stil begonnen, ein naturalistischer Ansatz, der sich hauptsächlich auf die Schauspielleistung richtete, also habe ich mich wirklich mit „Short Term 12“ verbunden gefühlt. Außerdem wusste ich, dass wir über ein begrenztes Budget und begrenzte Ressourcen verfügten – ich wollte mich auf das Erreichbare konzentrieren – das sind die Schauspielleistung und echte Momente zwischen den Schauspielern.

Meine anderen Vorbilder sind Lynne Ramsey („We need to talk about Kevin“ (2011)), Andrea Anrnold („American Honey“ (2016)), Asghar Farhadi („Alles über Elly“ (2010)), Paul Greengrass („Das Bourne-Ultimatum“ (2007)), Alfonso Cuarón („Roma“ (2018)), David Lowery („A Ghost Story“ (2017)) und Dennis Villeneuve („Blade Runner 2049“ (2018)). Ich habe so viele, aber das sind einige wenige, die wirklich dafür gesorgt haben, dass ich mich in Filme verliebt habe und mir halfen, herauszufinden, welche Art von Geschichten ich erzählen wollte. 

Welcher visuellen Linie folgst Du?

Ich bin ein großer Fan von Naturalismus und Realismus. Bei mir dreht sich alles um die Schauspielleistung. Alles um Charaktere. Ich wollte immer gut darin werden. Und jetzt, da ich als Filmemacher voranschreite, versuche ich, auf diesem Fundament aufzubauen. Ich möchte als nächstes Psychothriller erforschen und dabei all das beibehalten, was mir wichtig ist, wenn ich die Geschichte erzähle, die ich erzählen möchte.

Social Realism ist ein Genre, das mich sehr interessiert. Ich bin als Expat [Anm. d. Red.: Fach- oder Führungskraft, die an eine ausländische Zweigstelle entsandt wird] mit minimalen Rechten in Kuwait aufgewachsen. Ich wuchs auf und sah, wie soziale Ungerechtigkeiten offen um mich herum praktiziert wurden, und je bewusster mir das wurde, desto mehr wurde mir klar, wie viel Macht wir haben, Veränderungen herbeizuführen. Eines der Mittel des Wandels, dem ich schon früh ausgesetzt war, waren Dokumentationen. Von dort aus habe ich mich in das Erzählen von Geschichten verliebt, die tatsächlich etwas über die Gesellschaft aussagen, in der wir leben, und die Charaktere haben, mit denen man sich identifizieren kann und die nicht ‚perfekt‘ sind. Viele Filme und Filmemacher haben meine Einflüsse im Laufe der Jahre geprägt – Paul Greengrass ist ein Name, der mir sofort in den Sinn kommt. Einen Hintergrund als Journalist zu haben, ist es, was seine Themen und Filmtechniken meiner Meinung nach einzigartig und interessant macht. Ich habe immer den Naturalismus bewundert, den er in seine Filme einbringt, und seinen Ansatz bei der Arbeit mit Schauspielern. „Bicycle Thieves“ (1948) und „Short Term 12“ (2013) waren zwei Filme, die ich studierte, während ich mich darauf vorbereitete, „One Small Step“ zu drehen. Diese beiden Filme waren unglaublich menschlich und sagten so viel darüber aus, was in der Welt vor sich ging und geschieht. Ich liebte den Naturalismus, der mit einem narrativen Strukturansatz gemacht wurde, den „Bicycle Thieves“ mitbringt, und bewundere die klangliche Einfachheit, die sich auf die Charaktere konzentriert, die „Short Term 12“ verkörpert.

Wie hast Du deine Darsteller gefunden? Sie verkörpern ihre Rollen wunderbar.

Ich danke dir! Wir haben viele Kinderdarsteller vorsprechen lassen und einige für Rückrufaktionen und Chemie-Lesungen in die engere Wahl gezogen. Jeder brachte etwas anderes mit und es war spannend zu sehen, wie jeder Schauspieler das Material filterte und etwas anderes daraus machte. Der Grund, warum ich und die Produzenten beschlossen haben, mit Charlie Reddix (die Dasani spielte) und Destiny Toliver (die Avianna spielte) zusammenzuarbeiten, lag darin, wie sie den Geist der Charaktere wirklich verkörpern. Es war, als würde man Dasani und Avianna aus dem Drehbuch lebendig werden sehen. Sowohl Charlie als auch Destiny waren großartige, natürliche Schauspieler, die es verstanden, die Richtung zu bestimmen. Nach meiner Erfahrung wirken Kinderdarsteller in der Regel wie Schauspieler auf der Leinwand, aber mit Charlie und Destiny waren sie nur Kinder, die gut darin waren, innerhalb der Grenzen der Welt zu arbeiten, in der die Geschichte spielt.

Wie war es, fast nur mit Kinderdarstellern zu arbeiten?

Es war eine Herausforderung, aber die lohnendste Erfahrung. Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten – vor allem mit Nicht-Schauspielern. Sie sind einfach so ehrlich und authentisch, was ich als Regisseur so faszinierend finde. 

Findest Du, dass sich Dein Kurzfilm auch für ein jüngeres Publikum als Sensibilisierung und Appell eignen würde?

Hängt davon ab, wie jung. Ich habe meine Filme High-School-Schülern gezeigt und sie alle konnten sich mit ihnen auf verschiedenen Ebenen identifizieren. Ich denke, das Thema und Dilemma ist so universell, dass es sich mit jedem auf irgendeiner Ebene verbindet.

Kannst Du mir zum Schluss noch etwas mehr über Dich erzählen? Welche nachfolgenden Projekte sind schon in Planung?

Ich entwickle derzeit sowohl einen Spielfilm als auch eine TV-Show. So viel wie möglich zu schreiben und so viele Shorts wie möglich zu drehen, ist mein Ziel, da ich mein Handwerk besser beherrschen will und mein Selbst als Künstler verfeinern möchte. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „One Small Step


Interview: In our interview with American-born filmmaker Aqsa Altaf, we learned more about her film „One Small Step„, which was screened in the International Competition of the 20th Landshut Short Film Festival. She tells us about the development of the story up to its realization and what it feels like to work especially with child actors.

Can you tell me about the origin of the story of your short film „One Small Step„, from the hand of Travis Rush and how far your own experiences are connected with it?

The main theme of the story is about making difficult choices – choices that can’t necessarily be categorized as good or bad. Travis did a great job of making that evident in every scene. The emotion and humanity of it resonated with me – I was financially supporting my family of five members for four years. I worked three jobs, seven days a week to make ends meet. Every day I thought things would get better if I worked harder until one day I realized that if I don’t make the choice to think big picture, I would forever be trying to save a sinking ship. I made the decision to move to USA – a decision that felt like the biggest mistake at first but turned out to be the biggest blessing. A decision that filled me with guilt at first but turned out to be my calling. Me and my family are in a better place – physically and most important mentality because of it. The main character of this story is making a similar choice at the end of the film – a choice that will define who she will become one day. It is about growing up and realizing if you want to be defined by your circumstance or if you want to create your own identity. I felt an immediate need to tell this story and preparation met opportunity when this film came my way. 

I had the idea for this character and a vague story in mind. Because this film was part of my USC thesis film – we were not allowed to write and direct our own films. So I collaborated with Travis to write the screenplay and he was the perfect writer to execute this. 

Can you tell me more about the cinematic role models that influenced you?

The main inspiration for this film was Short Term 12. It was one of those contained films that is all about characters shot in a naturalistic way where the form and process doesn’t get in the way of performance and story. My style had started with doc style, naturalistic approach primarily focused on performance, so I really connected to Short Term 12. Also knowing we were on limited budget and resources – I wanted to focus on what is attainable – which is performance and genuine moments between the actors.

My other role models are Lynne Ramsey, Andrea Anrnold, Ashgahr Farhadi, Paul Greengrass, Alfonso Cuaron, David Lowery, Dennis Villeneuve. I have so many but these are few that really made me fall in love with films and help me find out what kind of stories I wanted to tell. 

Which visual approach do you follow?

I am a huge fan of naturalism and realism. It is all about the performance for me. All about characters. I always wanted to get good at that. And now as I am advancing as a filmmaker, I am trying to build on that foundation. I want to explore psychological thrillers next while keeping all the above the heart of the story I want to tell.

Social realism is a genre that I am very interested in. I grew up as an expat with minimal rights in Kuwait. I grew up seeing social injustices being practiced openly around me and the more conscious and educated I became of them, the more I realized how much power we have to bring change. One of the mediums of change that I was exposed to early on was documentaries. It is from there that I fell in love with telling stories that actually say something about the society we live in and having characters that are relatable and not “perfect”. A lot of films and filmmakers have defined my influences over the years – Paul Greengrass being a name that comes to mind immediately. Having a background as a journalist is what, I think, makes his subject matters and filmmaking techniques unique and interesting. I have always admired the naturalism he brings in his films and his approach on working with actors. Bicycle Thieves (1948) and Short Term 12 (2013) were two films that I studied while I was prepping to shoot „One Small Step„. Both these films were incredibly human and said so much in terms of what was and is currently going on in the world. I loved the naturalism done with a narrative structure approach that Bicycle Thieves brings and admire the tonal simplicity focused on characters Short Term 12 embodies.

How did you find your actors? They embody their roles wonderfully!

Thank you! We auditioned a lot of child actors and shortlisted some for callbacks and chemistry reads. Everyone brought something different to the table and it was exciting to see how each actor filtered the material and brought something different. The reason me and the producers decided to go with Charlie Reddix (who played Dasani) and Destiny Toliver (who played Avianna) was because of how they truly embodied the spirit of the characters. It was like seeing Dasani and Avianna from the script come alive. Both Charlie and Destiny were great, natural actors who knew how to take direction. From my experience, child actors usually come across as actors

on screen but with Charlie and Destiny, they were just kids who were good at working within the confines of the world the story was set in.

What was it like to work almost exclusively with child actors?

It was challenging but the most rewarding experience. I love working with children – especially non actors. They are just so honest and genuine that as a director I find so fascinating. 

Do you think that your short film would also be suitable for a younger audience as an appeal and for creating sensibility?

Depends on how younger you are talking about. I have shown my films to high school students and they all resonated with it at different levels. I think the subject matter and dilemma is so universal that it connects with everyone at some level.

Can you tell me a little bit more about yourself at the end? Which subsequent projects are already in the planning stage?

I am currently developing a feature as well as TV show. Writing as much as I can as well as directing as many shorts as I can is my goal as I can better at my craft as well as refine my self as an artist. 

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm „One Small Step“ 

2 Gedanken zu “Sieben Fragen an Aqsa Altaf

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