„Pioniere des wilden Westens“ (1931)

1931 / 4. Oscarverleihung / 7 Nominierungen / 3 Auszeichnungen

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Pioniere des wilden Westens“ (OT: „Cimarron“, USA, 1931) ist der erste Western, der den Oscar für den ‚Besten Film‘ gewann. Der Film aus dem Genre, was so alt wie der Film selbst ist, konnte sich auf der 4. Oscarverleihung am 10. November 1931 gegen vier Konkurrenten durchsetzen und gewann von seinen sieben Nominierungen insgesamt noch zwei weitere Trophäen. Damit war er der große Gewinner des Abends, denn insgesamt wurden nur neun Preise in einem Bankett-Rahmen, nicht wie heute mit einem Riesenspektakel, vergeben.

Inhaltlich beschäftigt sich der Western mit der letzten großen Besiedlungswelle gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei verschlug es viele Pioniere mit der Aussicht auf ein neues Leben und eigenes Land in den Staat Oklahoma. Auch das Ehepaar Yancey (Richard Dix) und Sabra Cravat (Irene Dunne) zieht es dorthin und sie gründen vor Ort ihre eigene Zeitung. In dem Städtchen Osage fühlt sich Sabra bald zu Hause und als Yancey sich dafür entscheidet weiter durch die Gegend zu ziehen, bleibt sie dort, übernimmt das Geschäft und findet so ihre neue Heimat.

Richard Dix, Douglas Scott und Irene Dunne
© RKO Pictures

Die Grundlage für den Film ist der Roman „Cimarron“ (OT: „Cimarron“, 1930) von Edna Ferber (1885-1968). Die Autorin beschäftigte sich in ihren epischen Romanen immer mit sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen in Amerika meist mit einer weiblichen Hauptfigur, die sich mutig und entschlossen einen Weg ebnet, im Zentrum der Geschichte. Ihre Bücher waren ideale Stoffe für Verfilmungen und so entstanden u.a. vorher bereits „So Big“ (1925) und „Show Boat“ (1929) auf Basis ihrer Romane. Auch in „Pioniere des Wilden Westens“ wird ein Stück amerikanische Geschichte erzählt. Es geht hier um die fast hysterische Aufbruchstimmung des Landrush am Ende der Pionierzeit, als viele sich auf den Weg machten ihr Glück mit eigenem Land und Boden zu finden. Dazu musste man nur das entsprechende Gebiet besetzen und schon wurde man der Eigentümer. Auch in dieser Geschichte steht (spätestens nach Fortgang des Mannes) eine starke Frau im Vordergrund, die maßgeblich die Entwicklung vorantreibt. Das Ehepaar verkörpert zwei Typen von Menschen – den Abenteurer und die Sesshafte, die aber sinnbildlich für den Fortschritt steht. Dieser Bruch aus dem Roman und der damit einhergehende Wechsel der Hauptperson wurde auch im Film so beibehalten und stellte die Sehgewohnheiten der damaligen Zuschauer vor eine Herausforderung, weil diese sich doch oft mit dem männlichen Hauptdarsteller identifizierten. Auch die Tonlage ändert sich von da an und die Geschichte wandelt sich von einem Abenteuerfilm in ein Melodram. Doch der Drehbuchautor Howard Estabrook (1884-1978) blieb der Vorlage treu und übernahm die Struktur und die Botschaft des Romans. Dafür erhielt Estabrook den einzigen Oscar seiner Karriere. Damit ist er auch der erste Film, der den Oscar für den ‚Besten Film‘ und für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ erhielt. Er war mit seinen drei Gewinnen sowieso der große Sieger des Abends. Wunderbar ist, dass bereits der dritte Oscar für den ‚Besten Film‘ an das älteste Genre der Filmgeschichte ging. Mit „Der große Eisenbahnraub“ hatte der Western seine Anfänge bereits im Jahr 1903. Doch nach der Ehrung „Cimarron“s mussten erst über 60 Jahre vergehen bis mit „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) und „Erbarmungslos“ (1992) Western der neuen Generation mit dem Hauptpreis geehrt wurden. Dazwischen gab es zwar viele Kandidaten u.a. „Höllenfahrt nach Santa Fe“ (OT: „Stagecoach“, 1939) und „Zwölf Uhr mittags“ (OT: „High Noon“, 1952), doch die wenigsten wurden überhaupt dafür nominiert. Der Western an sich scheint einfach nicht das richtige Oscar-Flair zu verströmen, außer, so scheint es, wenn eine weitere Botschaft mit transportiert wurde. 

© RKO Pictures

Die neue Filmgesellschaft RKO (Radio-Keith-Orpheum Pictures Inc.), 1929 von David Sarnoff, der auch NBC gegründet hat, ins Leben gerufen, sicherte sich die Rechte an dem Roman für die damals hohe Summe von 125.000 Dollar. Der Film selbst kostete 1.433.000 Dollar und war bis zum Erscheinen von „Aufstand in Sidi Hakim“ im Jahre 1939 der teuerste von RKO produzierte Film. Aber er ist bis heute auch der einzige komplett von RKO produzierte Film, der einen Oscar als ‚Besten Film‘ gewinnen sollte. So stellte „Cimarron“ einen Triumph dar, obwohl er an den Kinokassen nur der zweitbeliebteste Film des Jahres 1931 war. Auch brachte er nur 1.383.000 US-Dollar ein, so dass RKO einen Verlust von 565.000 US-Dollar verbuchen musste. So teuer war er unter anderem wegen seiner eindrucksvollen Eröffnungssequenz. In dieser wird die große Landnahme von 1889 eingefangen, dafür kamen u.a. 1050 Fahrzeuge, 3500 Pferde und 5000 Statisten zum Einsatz. Das Spektakel wurde mit um die 40 Kameras eingefangen, die u.a. in Erdlöchern, auf Fahrzeugen und Flugzeugen montiert waren. Für diese Aufnahmen u.a. war nicht nur Edward Cronjager (1904-1960) für die ‚Beste Kamera‘ nominiert, sondern auch Max Rée (1889-1953) gewann den Oscar für das ‚Beste Szenenbild‘. Dieser schuf auf einem 36 Hektar großen Gelände in Encino (California) eine komplette Westernstadt, die wunderbar das Flair ehemaliger Städte in Oklahoma einfängt. So ist im Gesamten die Kulisse der perfekte Rahmen, welcher nicht nur mit der Eröffnungssequenz beeindruckt, sondern im Allgemeinen die Pionierzeit hervorragend einfängt.

Richard Dix
© RKO Pictures

Entstanden ist der Film unter der Regie von Wesley Ruggles (1989-1972), der dafür auch mit einer Oscarnominierung bedacht wurde. Der amerikanische Filmregisseur, Produzent und Schauspieler begann seine Karriere beim Film als Nebendarsteller u.a. in Filmen mit Charlie Chaplin in den Essanay Studios. In den 30er und 40er Jahren mauserte er sich als Regisseur und Produzent und fiel abgesehen von „Pioniere des wilden Westens“, der sein einziger Oscarfilm bleiben sollte, vor allem mit romantischen Komödien wie „Paradies der Liebe“ (1946) auf. Am Ende seiner Karriere hatte er 83 Filme als Regisseur verwirklicht und selbst bei 19 Filmen als Schauspieler mitgewirkt. Doch trotzdem gehört der Regisseur nicht zu den bekannten Regielegenden, denn dafür war er zu sehr mit dem Studiosystem verbunden und lieferte eher Massenware, welche die Zeit nicht überdauerte. 

Eugene Jackson
© RKO Pictures

Die beiden Hauptdarsteller Richard Dix (1893-1949) und Irene Dunn (1898-1990) waren zwar beide für einen Oscar nominiert, gingen aber leer aus. Zusammen mit dem Film „Der Mut zum Glück“ waren hier in der Oscargeschichte zum ersten Mal zwei Darsteller in einem Film nominiert. Für Richard Dix sollte es die einzige Oscarnominierung seines Lebens bleiben. Dix war zu diesem Zeitpunkt ein großer Star, sollte das auch noch bis Ende der 30er Jahre bleiben und wurde für den Film vor allem als Publikumsgarant eingesetzt. Seinen Durchbruch feierte er mit „Not Guilty“ von 1921 und war u.a. in „Die 10 Gebote“ (1923) von Cecile B. DeMille zu sehen. Als er sich 1947 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Filmgeschäft verabschiedete, hatte er an 99 Spielfilmen mitgewirkt. Doch „Cimarron“ ist nach dem Urteil der Kritikern der Höhepunkt seines schauspielerischen Talents. Man kann auch davon ausgehen, dass RKO mit ihm im Blick das Buch gekauft hatte, da er sich bereits in einigen Western profiliert hatte. 

Irene Dunne und Richard Dix
© RKO Pictures

Die Besetzung der Hauptdarstellerin gestaltete sich dagegen schwierig. Die Wahl fiel auf Irene Dunn (1898-1990). Ihre Karriere begann erst richtig in den 30er Jahren und sollte dann bis 1952 andauern. In dieser Zeit wurde sie insgesamt fünfmal für den Oscar nominiert, konnte die Trophäe aber nie gewinnen. 1930 unterschrieb sie ihren Vertrag bei RKO und feierte ihren Debüt mit dem Musical „Leathernecking“ (1930). Den Durchbruch lieferte aber erst „Pioniere des wilden Westens“ und so wurde sie neben Ann Harding, Constance Bennett und Helen Twelvetrees zu den gefragtesten Stars von RKO und mit dem Film „Back Street“ (1932) bekam ihre Karriere nochmal Aufschwung. In den folgenden Jahren entstanden unter vielen verschiedenen Studios Filme die ihren Ruf weiter bestärkten u.a. „Die schreckliche Wahrheit“ (1937) zusammen mit Cary Grant. Auch wurde hier die Rolle der Mrs. Miniver (1942) im gleichnamigen Film angeboten, die sie aber ablehnte. Doch auch in den Kriegsjahren war sie fleißig im Geschäft und drehte Filme wie „Kampf in den Wolken“ (1943) und „The White Cliffs of Dover“ (1944). Ihre Karriere endet 1952 mit der Komödie „It Grows on Trees“. Danach zog sie sich von der Leinwand zurück und entschied sich beim Fernsehen und Radio Fuß zu fassen. Bei beidem fühlte sich nicht so wohl, so dass sie sich lieber für wohltätige Organisationen einsetzte und 1957 von US-Präsident Dwight D. Eisenhower zur Sonderbotschafterin der USA in der UNO ernannt wurde. „Pioniere des wilden Westens“ stand ganz am Anfang einer 22-jährigen Karriere im Filmgeschäft und war einer von 51 Spielfilmen in denen sie mitwirkte. Die Rolle bekam sie dank ihrer Hartnäckigkeit. Bei ihrem Debüt überzeugte sie nicht unbedingt mit ihrer schauspielerischen Fähigkeiten. Nach dem sie aber Unterricht genommen hat, verschickte sie auf eigene Faust Probeaufnahme für die Rolle in den Western, in denen sie sich u.a. auch altern ließ von 16 auf 56 Jahre, und überzeugte so die Produzenten.  

© RKO Pictures

Trotz der drei gewonnenen Oscars und dem zweiten Platz auf der Liste der begehrtesten Filme des Jahres, konnte der Film vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht genügend Geld einspielen. Erst mit der Neuaufführung 1935 kam wieder Geld in die Kassen. Zudem verkaufte RKO 1941 für 100.000 Dollar die Rechte für ein Remake an MGM. Das brachte zusätzlich Geld ein, auch wenn das Remake, ebenfalls namens „Cimarron“, erst 1961 unter der Regie von Anthony Mann verwirklicht wurde. Dieses kann aber mit dem Original nicht mithalten. Trotz des vielen Kritikerlobs ist „Cimarron“ der am schlechtesten bewertete Film aller ‚Bester Film’-Oscargewinner auf der Filmseite IMDb, was womöglich auch dem Umstand geschuldet ist, dass man u.a. in Deutschland nur eine Fassung erhält, die statt 123 Minuten nur 73 Minuten lang ist. Diese wirkt sehr zerstückelt und entzieht dem Film den roten Faden, so dass man keinen Gesamteindruck gewinnt, sondern gefühlt ein zerstörtes Werk sieht. So sollte man versuchen die Originalversion in voller Länge zu sehen, ansonsten geht viel von der ursprünglichen Kraft verloren und das schmälert den Eindruck des Films massiv.

Irene Dunne und Edna May Oliver
© RKO Pictures

Fazit: Der amerikanische Western „Pioniere des wilden Westens“ ist der erste Western, der mit dem Oscar als ‚Bester Film‘ ausgezeichnet wurde und sollte diese Position lange als einziger behalten. Der Regisseur Wesley Ruggles und der Drehbuchautor Howard Estabrook schufen nach einem Roman von Edna Ferber einen klassischen Western, der die Aufbruchstimmung am Ende der Pionierzeit wunderbar einfängt. Dafür wurden nicht nur eine ganze Westernstadt gezimmert und eine große Landnahmeszene gefilmt, sondern die richtigen DarstellerInnen ausgewählt, welche die Geschichte tragen. So funktioniert es auch, dass die Geschichte selbst vom Abenteuerfilm zum Melodram und der Fokus in der zweiten Hälfte des Films auf eine anderen Hauptperson wechselt. Wenn man den Film in Originallänge sieht, kann man einen gut austarierten Western sehen, der ein Geschichts- und Gesellschaftsbild zeichnet und eine starke Frauenfigur ins Zentrum stellt. Doch natürlich besitzt der Film aus heutiger Sicht etwas Altbackenes und wird heutzutage nicht den Geschmack aller Zuschauer treffen. Nichtsdestotrotz stellt er mit seinen drei Oscars einen Meilenstein in der noch jungen Oscargeschichte dar. 

Bewertung: 5/10

Trailer zum Film „Pioniere des Westens“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „Pioniere des wilden Westens
  • Wikipedia-Artikel über die Oscarverleihung 1931
  • Wikipedia-Artikel über den Regisseur Wesley Ruggles
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Richard Dix
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Irene Dunne
  • Trivia des Films „Cimarron (1931) – Trivia“ bei ImDb
  • Smyth, Jennifer E.: Reconstructing American historical cinema : from Cimarron to Citizen Kane, Univ. Press of Kentucky, Lexington, 2009.
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Roloff, Bernhard & Seeßlen, Georg: Western-Kino, Rowohlt, Leck, 1979.
  • Krusche, Dieter: Reclams Filmführer, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2003.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.