„Ein Amerikaner in Paris“ (1951)

1952 / 24. Oscarverleihung / 1952 / 8 Nominierungen / 6 Auszeichnungen

Filmkritik: Das dritte Musical, das in der Geschichte der Oscars die Auszeichnung ‚Bester Film‘ erhielt, war Vincente Minellis „Ein Amerikaner in Paris“ (OT: „An American in Paris“, USA, 1951). Er konnte von seinen acht Nominierungen sechs Preise mit nach Hause nehmen und mit seinem Sieg hätte im Vorfeld keiner gerechnet. Die beiden Filme „Ein Platz an der Sonne“ und „Endstation Sehnsucht“ waren die großen Favoriten des Abends, doch schon bei den Golden Globes konnte das Musical den Preis für das ‚Beste Musical‘ gewinnen, prädestinierte sich so auch für die Oscars und ging schlussendlich als großer Sieger des Abends, als lachender Dritter, aus dem Rennen hervor.

Nach dem Ende des Krieges bleiben die beiden in Paris stationierten Soldaten Jerry Mulligan (Gene Kelly) und Adam Cook (Oscar Levant) gleich in der französischen Hauptstadt und wollen sich dort ein neues Leben als Künstler aufbauen. Während Adam sich der Musik verschreibt, beginnt Jerry zu malen. Obwohl er sich in die bereits vergebene Lise (Leslie Caron) verliebt hat, beginnt er ein Stelldichein mit der Millionärin Milo Roberts (Nina Foch), die ihn auch bei seiner künstlerischen Laufbahn unterstützt. Und so leben die beiden Ex-Soldaten in den Tag hinein mit nichts als Luft, Liebe, Musik und Tanz. 

Leslie Caron und Gene Kelly

Das amerikanische Musical gehört noch heute zu den Meilensteinen der Musicalgeschichte. Das Drehbuch dafür stammte aus der Hand von Alan Jay Lerner (1918-1986), der es Gene Kelly, der den mittellosen Maler spielt, auf den Leib geschrieben hat. Die Handlung ist dabei konventionell und handelt vom üblichen Tagwerk eines Künstlers, aber vor allem von der Liebe. Die Geschichte ist dabei der Vorwand für ein erzählerisches Fabulieren und Austoben mit Musik, Tanz und Bildern. Die Geschichte wird von drei Off-Kommentaren begleitet, was zugleich die humoristische Ausgangslage festlegt. Auch die Ausgestaltung spricht sofort für eine Wohlfühl-Musicalnummer wie aus dem Katalog. Denn bis auf ein paar Totalen wurde Paris im Studio nachempfunden. Absichtlich wurde dabei auf eine realistische Ausgestaltung verzichtet und Montmartre, das Künstlerviertel von Paris, wird zu einem malerischen, kulissenhaften, gefühlt immer sonnigen Ort. Dafür hat der Film auch die Oscars für das ‚Beste Szenenbild‘ (Cedric Gibbons, E. Preston Ames, Edwin B. Willis, F. Keogh ) und für die ‚Besten Kostüme‘ (Orry-Kelly, Walter Plunkett, Irene Sharaff) erhalten und das zu Recht – betonen sie doch das Fantasievolle und Träumerische der Geschichte und waren vor allem auch maßgeblich am Erfolg des Films beteiligt. 

Gene Kelly

Ausgehend von der Musik George Gershwins (1898-1937) mit berühmten Songs wie „I Got Rhythm“ und „S’wonderful“ entwickelten die Filmemacher hier das musikalische Thema, das immer wieder Anreiz gibt, zu tanzen und vor allem zu steppen – eine von Gene Kellys großen Stärken. Diese Musicalnummern, welche eng mit der Handlung verbandelt sind, schlagen irgendwann in eine visionäre Sequenz um. Diese 17-minütige Szene macht das Herzstück des Films aus. In dieser gehen Kelly und seine Begleiterin in die Gemälde berühmter Maler und tanzen sich ihren Weg hindurch. Man erkennt dabei die Malstile von Renoir, Toulouse-Lautrec, Utrillo und Van Gogh und es bietet nicht nur für Kunstexperten einen bunten Reigen. Für diese Ballet-Sequenz wurden 120 Komparsen eingesetzt und allein diese Szene hat circa 500.000 Dollar des 2,7-Millionen-Dollar-Budgets aufgebraucht. Revolutionär ist, dass dabei wirklich komplett auf Sprache verzichtet wurde und sich hier einfach nur an der Bilderflut und der Musik berauscht wird. Geprägt ist der Film auch maßgeblich von den Choreographien, die Gene Kelly selbst entwickelt hat. Unter seiner Hand wird sogar die Morgentoilette ein Tanz. Dem Komponisten George Gershwin, dessen Tondichtung ‚Ein Amerikaner in Paris‘ auch dem Film seinen Titel gab, wurde hier ein ganz besonderes Denkmal gesetzt. Für dieses Gesamtkunstwerk aus Musik und Bildern wurden auf der Oscarverleihung ebenfalls auch die ‚Beste Filmmusik‘ (Johnny Green, Saul Chaplin) und die ‚Beste Kamera‘ (Alfred Gilks, John Alton) ausgezeichnet. Der Schnitt, der ebenfalls nominiert war, ging in diesem Jahr aber an „Ein Platz an der Sonne“.

Leslie Caron und Gene Kelly

Die Regie übernahm Vincente Minnelli (1903-1986), Kind einer französischen Schauspielerin und eines italo-amerikanischen Musical-Dirigenten. So scheint ihm die Liebe zur Musik und speziell zum Filmmusical wie in die Wiege gelegt. Er begann seines Karriere als Bühnen- und Kostümbildern in den 20er Jahre bei Broadway-Shows. Erst später verschlug es ihn zum Film, wo er u.a. Mitarbeiter für einige Mickey Rooney/Judy Garland-Filme war. 1943 durfte er selbst Regie führen bei „Ein Häuschen im Himmel“. Bereits sein dritter Film – „Meet Me in St. Louis“ (1944) mit Judy Garland – verschaffte ihm einen guten Ruf. Nachdem er für „Ein Amerikaner in Paris“ seine erste Oscarnominierung erhielt, aber nicht gewinnen konnte, brachte ihm „Gigi“ (1958) auf der 31. Oscarverleihung den Regie-Oscar ein. Weitere bekannte Musicalfilme wie „Vorhang auf!“ (1953) mit Fred Astaire stammen aus seiner Hand. Doch er inszenierte nicht nur Musicals, sondern auch Filme wie „Vater der Braut“ (1950) und „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ (1959). Mit „Nina – Nur eine Frage der Zeit“, in dem Liza Minelli, seine gemeinsame Tochter mit Judy Garland, zu sehen ist, beendete er im Jahr 1976 seine Karriere. Bis heute gehört er zu den bekannten Regisseuren der Filmgeschichte. Dabei war ihm die Inszenierung oft wichtiger als der Stoff – Begriffe wie Magie und Schönheit waren prägend für sein Œuvre. So strotzen seine Filme nur so von Farben, Freude, Tanz und Schönheit und genau das zeichnete auch sein ersten überaus erfolgreichen Film „Ein Amerikaner in Paris“ aus.  

Gene Kelly und Leslie Caron

Auch wenn auf der 24. Oscarverleihung an Gene Kelly ein Ehrenoscar für seine Choreographien verliehen wurde, bekamen die DarstellerInnen aus dem Musical keine einzige Nominierung. Der Schauspieler und Tänzer Gene Kelly (1912-1996) gehört neben Fred Astaire zu den großen Musicalstars der Zeit. Filme wie „Du sollst mein Glücksstern sein“ (OT: „Singin’ in the Rain“, 1952) wären ohne ihn nicht zum Leben erweckt wurden. Sein Tanzstil ist dabei immer äußerst athletisch und man sieht die Arbeit, die dahinter steckt. Begonnen hat er seine Karriere 1938 am Broadway. Nach einer Nebenrolle in einem Cole-Porter-Stück, durfte er bald die Choreographien für andere Musicals arrangieren. 1942 folgte dann an der Seite von Judy Garland seine erste Filmrolle in „For Me and My Gal“. In vielen weiteren Filmen trat er nicht nur auf, sondern übernahm auch Choreografien, so verdanken wir ihm viele grandiose Tanzeinlagen und Szenen, die man sich zu der Zeit nicht hätte vorstellen können, wie beispielsweise die Spiegelszene in „Es tanzt die Göttin“ (1944), in der er mit sich selbst tanzt. Zusammen mit Stanley Donen gab er 1949 sein Regiedebüt mit „Heute gehen wir bummeln“, das erste Musical, was an Originalschauplätzen gedreht wurde. 1980 folgte mit „Xanadu“ sein letztes Filmmusical, danach war er noch in einigen Filmproduktionen zu sehen, bevor er im hohen Alter von 83 Jahren starb. „Ein Amerikaner in Paris“ wurde 1951 extra für Gene Kelly geschrieben und so feiert es vor allem seine Kunst und gibt den beiden Tänzern Kelly und seiner Begleiterin Leslie Caron ihre Bühne. Diese hat Gene Kelly selbst auf der Champs-Elysees entdeckt und sie bekam die Rolle, da die Produzenten eine echte Französin besetzen wollten. 

Gene Kelly und Leslie Caron

Dieser Film stellte den Anfang für Leslie Carons (*1931) filmische Karriere dar. Kurze Zeit später erhielt sie für die Filme „Lili“ (1953) und „Das indiskrete Zimmer“ (1963) eine Oscarnominierung als ‚Beste Hauptdarstellerin’. Begonnen hat alles bereits im Kindesalter, da sie schon früh Tanzunterricht erhielt. Danach folgte das Tanzstudium und später wurde sie Primaballerina am Ballet der Champs-Elysées. Von da aus führte ihr Weg nach Hollywood. Irgendwann erweiterte sie ihr Spektrum weg von Musicals und man sah sie auch in Komödien und Sportlerdramen. Sie ist heute die einzige Schauspielerin aus der Riege von Musicalstars der 50er und 60er Jahre, die man noch in Rollen sehen kann u.a. in „Chocolat“ (2000). Doch vermutlich wird ihr größter Erfolg, welcher ihr eine feste Position in der FIlmgeschichte sichert, ihre allererste Filmrolle in „Ein Amerikaner in Paris“ bleiben, bei der sie sich wunderbar durch malerischen Szenen mit dem großen Star Gene Kelly tanzt.     

Neben den sechs Oscarstatuen konnte der Film weiter keine nennenswerte Preise, außer dem bereits erwähnten Golden Globe, gewinnen. Der Film wurde 1993 ins National Film Registry aufgenommen, dient immer noch als Inspiration für andere Filme und erweckte ausschweifende Fantasien als Teil des Musicals zum Leben. Durch seinen Erfolg, auch bei den Oscars, öffnete er dem Genre Musical viele Tore. So konnten nach ihm noch „Gigi“ (1958), „West Side Story“ (1961), „My Fair Lady“ (1964) und „Oliver!“ (1968) die begehrte Trophäe des ‚Besten Films‘ gewinnen. Später erfolgte dann mit „Chicago“ (2002) das Musical-Revival und ist seitdem aus der Kinolandschaft nicht mehr wegzudenken.

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Ein Amerikaner in Paris“ ist ein Musical, wie es im Buche steht. Die Geschichte ist nebensächlich und handelt hauptsächlich von der Liebe. Vor einer malerischen Kulisse, welche ein Fantasie-Paris entwirft, tanzen sich Gene Kelly und Leslie Caron bis zum Happy End. Dabei schuf der Regisseur Vincente Minnelli einen Film ganz auf Kelly zugeschnitten und gab vor allem seinen gelungenen Choreographien den perfekten Rahmen. Alles untermalt mit der bekannten Musik von George Gershwin konnte es die Herzen des Publikums erobern und zugleich auch sechs Oscars gewinnen. Vor allem die formalen Elemente, wie die Musik und das Szenenbild wurden geehrt, aber er setzte sich auch als ‚Bester Film‘ gegen eine starke Konkurrenz durch, sicherte so seinen festen Platz in der Filmgeschichte und liefert noch heute quietschbunte, charmante Unterhaltung. 

Bewertung: 7/10

Trailer zum Film „Million Dollar Baby“:

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „Ein Amerikaner in Paris
  • Wikipedia-Artikel über die Oscarverleihung 1952
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Leslie Caron
  • Wikipedia-Artikel über den Regisseur Vincente Minnelli
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Gene Kelly
  • Joe McElhaney, ‚Vincente Minnelli • Great Director profile‘, senseofcinema, 2004
  • Trivia über den Film „Ein Amerikaner in Paris
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme, die sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms, Zürich, 2013.
  • Krusche, Dieter: Reclams Filmführer, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2003.
  • Koebner, Thomas: Reclams Filmklassiker, Band 2, 1946-1962, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2006.
  • Müller, Jürgen: Filme der 50er, Taschen Verlag, Köln, 2005.
  • Kraus, Yvonne und Laube, Stefanie: Das Oscar-Buch, Laube Kraus GbR, Köln, 2018.
  • Kubiak, Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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