Sechs Fragen an Weijia Ma

Interview: Im Gespräch mit der chinesischen Filmemacherin Weijia Ma konnten wir mehr über ihren Animationsfilm „Step into the River“ (OT: „Dans la rivière“) erfahren, der auf dem 63. DOK Leipzig den Publikumspreis gewann. Sie erzählt von den Ursprüngen des Films in ihrer eigenen Biographie, für welches Publikum der Film gemacht wurde und wie er auf die Beine gestellt wurde.

The original english language interview is also available.

Auf Grundlage der chinesischen Ein-Kind-Politik erzählst Du die Geschichte des Animationsfilm „Step into the River“. Wie bist Du zu dem Thema gekommen?

Die Regelung war in China fast 40 Jahre lang, von 1978 bis 2016, gültig. Sie hat meine Generation stark beeinflusst. Obwohl das Problem der Geschlechterpräferenz nicht durch sie verursacht wurde, führte sie irgendwie zu der Tragödie, Mädchen im Stich zu lassen. Der Film basiert auf realen Geschichten meiner Freundin und mir. 

Als ich ungefähr sieben Jahre alt war, erzählte mir einer meiner Verwandten, dass meine Eltern einen Sohn hatten, der vor meiner Geburt starb. Schockiert fragte ich meine Eltern danach, sie bestätigten, aber sie vermieden es, mir mehr Details zu erzählen. Ich fragte meine Oma, und als sie sagte, „er war ein wunderschöner Junge“, wurde ich sehr traurig und eifersüchtig. Es kamen mir viele Fragen in den Sinn: Wenn der Junge nicht gestorben wäre, gäbe es mich dann nicht? Wenn er leben würde, wäre ich dann er? Oder, wenn ich ein Junge wäre, wäre es perfekt, und würde ich mehr Liebe bekommen? Und warum wollten meine Eltern es mir nicht sagen – weil sie immer noch traurig sind, einen Sohn verloren zu haben? Auch wenn meine Familie eigentlich keine Probleme mit mir – einem Mädchen – hat: Sie haben mich unterstützt und mir eine gute Ausbildung ermöglicht. Aber tief im Inneren war ich immer frustriert, weil ich mich verpflichtet fühlte, ein gutes Kind zu sein, und weil ich versuchte, meine Eltern stolz zu machen, weil sie sonst den Verlust ihres Sohnes bedauern würden. 

Später, als ich aufwuchs, hörte ich Geschichten über Dorfbewohner, die kleine Mädchen aussetzen. Einige Mädchen werden gerettet und aufgezogen. Eine meiner Freundinnen wurde von ihren biologischen Eltern im Stich gelassen, um eine neue Chance auf einen Jungen zu bekommen. Sie wuchs als Adoptivkind auf und kann es ihren biologischen Eltern nie verzeihen. All diese Tatsachen machten mich traurig und unglücklich. Da ich jetzt erwachsen bin, blickte ich zurück und versuchte, meine Kämpfe als Frau auszudrücken. Und ich glaube, dieser Kampf hat sich auch dann nicht geändert, als sich die Politik änderte. Es ist vielen Frauen passiert, dass es in ihrem ganzen Leben immer wieder Momente gab, in denen sie sich wünschen, keine Frau zu sein. 

Dein Film ist von Frankreich koproduziert – wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich habe 2015 begonnen, das Drehbuch zu schreiben. Damals habe ich ein Skizzenvideo mit einer Beschreibung der Geschichte online gestellt. Damien von Les Valseurs fand das Bildmaterial und das Thema sehr interessant, er schickte mir eine E-Mail, um über die Zusammenarbeit zu sprechen. Seitdem haben wir gemeinsam an dem Projekt gearbeitet. Ich habe den Entwurf und das Storyboard erstellt, meine Produzenten gaben mir Feedback. Wir begannen die Produktion offiziell im Februar 2019, als wir genug Geld gesammelt und die AnimatorInnen eingestellt hatten. Ich unterrichte Animation an einer Hochschule in Shanghai, das ist ein Vollzeitjob. Ich konnte mit meinem Team nur nach der Arbeit online kommunizieren. Aber während der Sommer- und Winterpause ging ich nach Frankreich, um persönlich mit ihnen zu arbeiten. Es war ein ziemlich schwieriger Prozess für uns, besonders in diesem Jahr mussten wir wegen der Covid-Situation die Produktion für zwei Monate einstellen. Zum Glück hat am Ende alles geklappt. Ich bin sehr stolz auf uns.

Deine Animationen sind sehr ansprechend. Wieso hast Du Dich für die Geister- und die Fisch-Metaphern entschieden?

Die Welt durch die Augen der beiden Mädchen zu sehen, die Verwirrung und den Kampf der weiblichen Identität zu spüren. Für die beiden Mädchen sind sowohl der kleine Bruder als auch der Koi-Fisch das bessere Lebensmodell. Man sieht den kleinen Bruder als ihr alternatives besseres Selbst. Die andere stellt eine Verbindung zwischen ihrem Muttermal und dem Muster der Koi-Fische her, doch der Wert der Schönheit ändert sich als unterschiedliche Wesen. Beide Elemente zeigen die imaginären Wege der beiden Mädchen, die nur Kinder sind und versuchen, ihrer Realität zu entfliehen.

Hast Du Vorbilder – KünstlerInnen oder FilmemacherInnen, welche Dich inspiriert haben?

Ich bin von vielen Filmen von Jia Zhangke [Anm. d. Red. „A Touch of Sin“ (2013)] inspiriert. Er ist sehr einfühlsam, was die aktuelle Atmosphäre betrifft, und fängt wichtige Szenen der Gesellschaft präzise ein. Die Geschichten sind realistisch, manchmal sogar mit dokumentarischer Qualität, doch er verbindet sie gut mit surrealen Elementen und ist voller Fantasie. Ich mag auch Satoshi Kon [Anm. d. Red. „Tokyo Godfathers“ (2003)] und Charlie Kaufman [Anm. d. Red. „Anomalisa“ (2015), „ I’m Thinking of Ending Things“ (2020)]. In ihren Werken verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Erinnerung oder Illusionen. Die Erzählung verschiebt sich in Zeit und Raum und offenbart die tiefe Unruhe der Figuren.

Würdest Du sagen, der Film eignet sich trotz der Härte mancher Szenen auch für ein jüngeres Publikum?

Ich denke, die Hauptzielgruppe dieses Films sind Erwachsene. Vielleicht ist es nicht angebracht, ihn Kindern zu zeigen, die unter 12 Jahre alt sind. Die Kinder, welche die Stimmen für diesen Film gesprochen haben, sind alle unter 12 Jahre alt, ich habe ihnen noch nicht den ganzen Film gezeigt. Ich habe beschlossen zu warten. 

Kannst Du mir zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen. Und ob bereits neue Projekte geplant sind?

Im Moment arbeite ich an einem Dokumentarfilm mit dem Titel „My Quarantine Bear“, ebenfalls ein Kurzfilm in Zusammenarbeit mit Les Valseurs. Ich war vom 5. Februar bis zum 27. April in Frankreich, um mit meinem Team an „Step into the River“ zu arbeiten. Dann reiste ich zurück nach Shanghai und blieb 14 Tage lang im Hotel in Quarantäne. Die Covid-Situation hat mich sehr verändert, ich denke, man sollte sich daran erinnern. Deshalb habe ich während der Reise mit meinem Telefon gefilmt und den Dokumentarfilm während meiner Quarantäne geschnitten. Ich habe den Rohschnitt meinen Produzenten gezeigt, er gefällt ihnen, wir haben danach gemeinsam daran gearbeitet. Für mich ist es das erste Mal, dass ich an einem Dokumentarfilm arbeite. Er unterscheidet sich sehr von der Animation, die sehr skriptorientiert ist. Ich schätze, ich versuche nicht, den Stil meiner Werke zu definieren oder einzuschränken. Jedes Mal versuche ich eine neue Produktionsmethode. Tatsächlich sind meine früheren Arbeiten alle sehr unterschiedlich. Dennoch habe ich die Erzählung aus einer persönlichen Perspektive nicht aufgegeben. Und alle meine Werke tendieren dazu, das Thema Identität anzusprechen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Step into the River


Interview: In a conversation with the Chinese filmmaker Weijia Ma we could learn more about her animated film “Step into the River” (OT: “Dans la rivière”), which won the audience award at the 63rd DOK Leipzig. She tells about the origins of the film in her own biography, for which audience the film was made and how it was made.

Due to the Chinese one-child policy you are telling the story of the animated film Step into the River“. How did you come to this topic?

The policy had been implemented in China for almost 40 years, from 1978 to 2016. It strongly affected my generation. Although the problem of gender preference wasn’t caused by it, it somehow led to the tragedy of abandoning girls. The film is based on real stories of my friend and me. When I was around 7, one of my relatives told me my parents had a son who died before I was born. Shocked, I asked my parents about it, they confirmed, but avoided giving me more details. I asked my grandma, when she said, “he was a beautiful boy”, I got very sad and jealous. There were a lot of questions that bumped into my mind:  if the boy didn’t die, I wouldn’t exist; If he lived, would I be him? Or if I were a boy, would it be perfect, and would I get more love? And why didn’t my parents want to tell me, because they are still sad about losing a son? Even though my family in fact doesn’t have any problems with me – a girl: they supported me, and gave me good education. But deep down I always got frustrated by feeling obligated to be a good kid, and trying to make my parents proud, otherwise they would be regretful of losing their son. Later when growing up I heard stories about villagers abandoning baby girls. Some girls are saved and raised. One of my friends was abandoned by her bio-parents to get another chance of having a boy. She grew up as an adopted kid, and can never forgive her bio-parents. All these facts made me feel sad, and miserable. As I’m an adult now, I looked back and tried to express my struggles of being a female. And I believe the same struggle hasn’t been changed even when the policies changed. It happened in a lot of women, that during your whole life, there are always some moments that you wish you were not a female. 

Your film is co-produced by France – how did the collaboration come about?

I started to write the script in 2015. Back then I uploaded a sketch video online, with a description of the story. Damien from Les Valseurs found the visuals and topic very interesting, he emailed me to talk about the collaboration. Since then we worked on the project together. I did the design and storyboard, my producers gave me feedback. We formally started the production in February 2019, when we raised enough funding and hired the animators. I teach animation in a college in Shanghai, it’s a full time job. I could only communicate with my team online afterwork. But during summer break and winter break, I went to France to work in person with them. It was a quite tough process for us, especially this year because of the Covid situation, we had to stop the production for 2 months. Luckily, everything worked out at the end. I’m very proud of us.

Your animations are very appealing. What was important to you in the realization? Why did you choose the ghost and fish metaphors?

To see the world through the two girls eyes, to feel the confusion and struggle of the female identity. For the two girls, both the baby brother and the koi fish are the better model of life. One sees the baby brother as her alternative better self. The other makes connection between her birthmark and the pattern of the koi fish, however the value of beauty changes as different beings. Both elements show the imaginary ways of the two girls, who are just kids, try to escape from their reality. 

Do you have role models – artists or filmmakers – who inspired you?

I’m inspired by many of Jia Zhangke’s films. He’s very sensitive about the current atmosphere, and precisely captures important scenes of the society. The stories are realistic, sometimes even with documentary quality, yet it gets along well with surreal elements, and is full of imagination. I also like Satoshi Kon and Charlie Kaufman. Both their works blur the edge of reality and memory or illusions. The narrative shifts in time and space, and reveals the deep anxiety of the characters.

Would you say that despite the harshness of some scenes, the film is also suitable for a younger audience?

I guess the main target audiences of this film are adults. Maybe it’s not proper to show it to the kids who are under 12 years old. The kids who acted the voices for this film are all under 12 years old, I haven’t shown them the whole film yet. I decided to wait. 

Can you tell me a little more about yourself at the end. And if new projects are already planned?

Right now I’m working on a documentary called My Quarantine Bear, also a short film collaborate with Les Valseurs. I was in France from February 5th until April 27th, to work with my team on “Step into the River“. Then I traveled back to Shanghai, and stayed in the hotel for 14 days of quarantine. The Covid situation changed me a lot, I think it should be remembered. So I used my phone to shoot during the trip, and edited the documentary during my quarantine. I showed the rough cut to my producers, they like it, we worked together on it after. For me, it’s my first time to work on a documentary. It’s very different from animation, which is very script oriented. I guess I’m not trying to define or limit the style of my works. Each time I try a new method to produce. In fact my past pieces are all very different. Yet I haven’t abandoned narrative from a personal perspective. And all my works tend to address the theme of identity.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the shortfilm “Step into the River

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