Sieben Fragen an Su Che Hsien

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Interview: Im Gespräch mit dem taiwanischen Regisseur Su Che Hsien konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Nine Shots“ (OT: „九發子彈“), der auf dem 33. Filmfest Dresden im Internationalen Wettbewerb lief, und die wahre Geschichte im Hintergrund erfahren und in welchem zeitlichen Rahmen und mit welchem visuellen Ansatz er das Ganze umgesetzt hat.

The original english language interview is also available.

Dein Kurzfilm beruht auf wahren Tatsachen – kannst Du mir mehr zu den Hintergründen erzählen?

Ein vietnamesischer Schwarzarbeiter wurde 2017 in Taiwan von einem Polizeibeamten erschossen, was damals einen großen Skandal darstellte, weil der Polizist neunmal auf ihn schoss. Ich habe ein Bild des Vaters des Arbeiters in der Zeitung gesehen. Er kam nach Taiwan, um die Leiche seines Sohnes abzuholen, und sein ganzes Gepäck bestand aus einem Karton.

Für Wanderarbeiter ist es sehr schwierig, ihren Arbeitsplatz oder ihren Arbeitgeber zu wechseln. Sie kommen über eine Agentur nach Taiwan und müssen viel an die Organisation zurückzahlen. Sehr oft laufen die Wanderarbeiter der Agentur davon, um illegal einen besseren Job und eine bessere Bezahlung zu bekommen.

Warum hast Du Dich dafür entschieden, daraus einen Film zu machen?

Ich habe versucht, den Anwalt zu erreichen, der den Wanderarbeiter vertrat, und habe mehr erfahren, als ich in den Nachrichten gelesen habe. Der Mann kam nach Taiwan, um mehr zu verdienen, damit er seine Familie in Vietnam unterstützen kann. Er wollte nur Kühe für seinen Vater kaufen. Und er ist hier gestorben. Ich kann das Gefühl nicht vergessen, das ich hatte, als ich davon hörte, und so beschloss ich, aus dieser traurigen Geschichte einen Film zu machen. 

Was lag Dir bei der Umsetzung am Herzen – wie und wie lange habt ihr gedreht?

Mein Schwerpunkt lag auf dem realen Leben der Wanderarbeiter hier in Taiwan. Deshalb habe ich in diesem Film Wanderarbeiter eingestellt. Sie haben kein Drehbuch bekommen. Wir haben versucht, ihnen die ganze Geschichte zu erklären und sie improvisieren zu lassen. Ich wollte die echte Reaktion und die Gefühle von ihnen filmen, wie sie über diese Tragödie denken. Ich habe eine lange und intensive Einstellung verwendet, um die Geschichte zu filmen, und ich hoffe, dass die Zuschauer auf der Leinwand mehr Details entdecken werden. Ich habe drei Tage gebraucht, um den Film zu drehen, aber ich habe mich ein halbes Jahr lang vorbereitet.

Was war Dir auf visueller Ebene wichtig?

Ein 40-mm-Objektiv ist magisch! Wir können es für Nahaufnahmen und lange Einstellungen verwenden. Vor allem bei der Tötungsszene waren eine Echtzeitdarstellung und extrem lange Einstellungen erforderlich. Kein Schnitt, keine Montage.

Wie hast Du Deine starke Besetzung zusammengestellt? 

Ich habe meine Karriere als Dokumentarfilmregisseur begonnen und hatte die gleichen jungen und talentierten Teams, die diesen Film mit mir drehten. Was die Schauspieler betrifft, so haben wir sechs Monate gebraucht, um sie zu finden. Wir haben so viele Fabriken besucht und so viele Vorsprechen gemacht, um die richtigen Schauspieler und Schauspielerinnen zu finden.

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich bin ein unabhängiger Filmemacher, der seinen Abschluss an der National Taiwan University of Arts (Abteilung für Film) gemacht hat, an der auch Hsiao-Hsien Hou [Anm. d. Red. „The Assassin“ (2015)] und Ang Lee [Anm. d. Red. „Tiger  & Dragon“ (2000), „Life of Pi“ (2012)] ihren Abschluss gemacht haben. Im Jahr 2010 erhielt ich den Taipei Golden Horse Award für den besten Dokumentarfilm, da war ich 27. 

Dann zog ich für fünf Jahre nach Peking und konzentrierte mich auf zeitgenössische Themen. Ich interessiere mich sehr für die Filmsprache und große Regisseure wie Jean Luc Godard [Anm. d. Red. „Elf Uhr nachts“ (1965)], Wim Wenders [Anm. d. Red. „Die schönen Tage von Aranjuez“ (2016)] und Tarkowski [Anm. d. Red. „Solaris“ (1972), „Stalker“ (1979)]. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

In der Tat! Ich kämpfe gerade mit meinem ersten langen Spielfilm „Summer“, der jetzt in die Kinos kommt. Aufgrund von Covid-19 ändert sich das Kinosystem, und ich bin sehr besorgt darüber.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Nine Shots


Interview: In our conversation with Taiwanese director Su Che Hsien, we were able to learn more about his short film “Nine Shots” (OT: “九發子彈”), which screened in the International Competition at the 33rd Filmfest Dresden, and the true story behind it, as well as the time frame and visual approach he used to realize it.

Your short film is based on true facts – can you tell me more about the background?

A Vietnamese illegal worker was shot to death by a Police officer in Taiwan 2017.It was a big scandal at that time, because the police officer  shot him 9 times. I saw a picture of the worker’s  father in the newspaper. He came to Taiwan to pick up his son’s body, all his luggage was a carton.

It is very difficult for migrant workers to change their jobs or their employers. They come to Taiwan via Agency and need to pay a lot back to the organization. Very often the migrant workers run away from the agency for a better job and better payment illegally.

Why did you decide to make a film out of it?

I tried to reach out to the lawyer who represented the migrant worker and found out more than what I read in the news. The guy came to Taiwan to earn more for helping his family in Vietnam. He just wanted to buy cows for his father. And he died here. I cannot forget the feeling when I heard about it, so I decided to make a film out of this sad story. 

What was important to you during the realization – how, where and how long did you shoot?

My focus was on the real life of the migrant workers here in Taiwan. Therefore I hired a real one in this film. They didn’t get any script. We tried to explain the whole story to them and let them improvise. I wanted to film the very true reaction and feeling of them, how they felt about this tragedy. I used a long and deep take to film the story and hope the audience would find more details on the big screen. It took me 3 days to film it, but I prepared for half a year.

What was important to you on a visual level?

A 40mm lens is magical! We can use it to make close up and long shots. Especially on the killing scene, a realtime acting and extremely long take were necessary. No editing, no montage.

How did you assemble your strong cast? 

I started my career as documentary director and I had the same young and talented teams shooting this film with me. As  for actors, it took us 6 months to find  them. We visited so many factories and did so many auditions to find the right actors and actresses.

Can you tell me a bit more about yourself at the end and how you came to make the film?

I am an independent filmmaker, graduated from the National Taiwan University of Arts ( Department of Film), where Hsiao-Hsien Hou and Ang Lee also graduated from. I received the best Documentary of the Taipei Golden Horse Award in 2010, I was 27. 

Then I moved to Beijing for 5 years focusing on contemporary issues. I am very interested in cinematic language and great directors such as Jean Luc Godard,  Wim Wenders and Tarkovsky. 

Are there any new projects planned?

Indeed! I am struggling with my first long feature film “Summer” releasing in theaters now. Due to Covid-19, the system of cinemas is changing and I am very worried about it.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Nine Shots

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