„Coda“ (2022)

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Coda“ (OT: „Coda“, USA, 2022), der es nie auf die große Leinwände geschafft hat und nur bei Apple TV+ zu sehen war, ist der Gewinner des Oscars für den ‚Besten Film‘ der diesjährigen 94. Oscarverleihung 2022 und war damit eine Überraschung für viele Zuschauer:innen, die wahrscheinlich auf einen der anderen neun nominierten Filme getippt hatten.

Die 17-jährige Ruby Rossi (Emilia Jones) arbeitet jeden Tag, bevor sie zur Schule geht, mit ihrem Vater Frank (Troy Kotsur) und ihrem Bruder Leo (Daniel Durant) auf einem Fischerboot, um so den Lebensunterhalt der Familie mitzuverdienen. In der Schule ist sie eine Außenseiterin, da sie zu einer ansonsten gehörlosen Familie gehört und sich anfänglich schwerer integrieren konnte. Als ihr Schwarm Miles (Ferdia Walsh-Peelo) sich beim Chor einträgt, entschließt sie sich ebenfalls, dort mitzumachen. Da wird der Musiklehrer Bernardo (Eugenio Derbez) auf sie aufmerksam und meint, dass sie eine Chance hat, am Berklee College of Music in Boston aufgenommen zu werden. Während sie sich darauf vorbereitet, beschließt ihre Familie sich mit dem Verkauf des Fisches selbstständig zu machen und ist mehr denn je auf Ruby angewiesen. 

Emilia Jones und Marlee Matlin

Die Regisseurin und Drehbuchschreiberin Siân Heder (*1977), die mit ihrem Film „Tallulah“ (2016) ihr Debüt gab, adaptiert hier den französischen Film „Verstehen Sie die Béliers?“ aus dem Jahr 2016. Sie bleibt der Vorlage sehr treu und erzählt eine konventionelle Coming-of-Age-Geschichte. Die Heldin hat, wie üblich in solchen Filmen, mit ihrer Selbstverwirklichung und ein paar Hürden zu kämpfen. Hinzu komen neue Aspekte für den Film. Heder baut ihre Heimat – die Stadt Gloucester in Massachusetts – mit ein und erzählt von dem Kampf der Fischer vor Ort. So wird die Handlung von einem Bauernhof ans Meer verlegt. Warum die Regisseurin dafür aber den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ erhielt, ist aber eher unverständlich. Denn die Stärke der Geschichte besitzt bereits die Originalversion und hätte auf narrativer Ebene kein Remake benötigt.

Emilia Jones und Eugenio Derbez

Doch eine Sache hat Heder verändert, welche „Coda“ neben seiner herzensguten Wohlfühl-Geschichte, sehenswert macht. Sie hat die Schauspieler:innen so ausgewählt, dass alle Gehörlosen auch von gehörlosen Darsteller:innen verkörpert werden. Mit Marlee Matlin, welche 1987 für „Gottes vergessene Kinder“ (1986) einen Oscar gewann, und Troy Kotsur hat sie das perfekte Elternpaar gefunden, die das Publikum mit ihren lebendigen Gebärdensprache sofort ins Boot holen. Auch der Bruder ist mit Daniel Durant hervorragend besetzt. Kotsur konnte dafür auf der 94. Oscarverleihung den Preis für den ‚Besten Nebendarsteller‘ gewinnen. Aber auch Emilia Jones ist eine großartige Wahl. Die britische Darstellerin, die man bisher nur in der Netflix-Serie „Locke & Key“ (2020) sah, hat sich für die Rolle nicht nur den dortigen amerikanischen Akzent angewöhnt, sondern auch die Gebärdensprache erlernt. So ist die Besetzung (samt allen Nebenrollen) einfach großartig und verleiht den Figuren so viel Sympathie, dass man garnicht anders kann, als sich auf die Seite der Familie zu schlagen. Hinzu kommt eine tadellose Inszenierung, die sich wunderbar an die Geschichte anschmiegt. Rundherum ist „Coda“ ein unterhaltsamer, liebenswerter Film, der für schöne Stunden sorgt und mit seiner Wohlfühl-Einstellung gar nicht so recht zu den üblichen ‚Bester Film‘-Gewinnern passt.

Emilia Jones, Troy Kotsur, Marlee Matlin und Daniel Durant

Fazit: Der Spielfilm „Coda“ konnte auf der 94. Oscarverleihung in allen drei Kategorien, in denen er nominiert war, die Trophäe mit nach Hause nehmen, u.a. auch für den ‚Besten Film‘. Die Regisseurin Siân Heder adaptiert darin einen nicht einmal sieben Jahre alten Film aus Frankreich, fügt ein paar Aspekte hinzu und besetzt den Cast perfekt. Die Figuren und der Wohlfühlfaktor sind die Stärke der Coming-of-Age-Geschichte und laden zu einem unterhaltsamen Filmerlebnis ein.

Bewertung: 7/10

Streaming: „Coda“ auf Apple TV+

Trailer zum Film „Coda“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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