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Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „The Bikeriders“ (OT: „The Bikeriders“, USA, 2024) von Jeff Nichols wirft einen mildtätigen Blick auf Bikergangs und ihre Entstehung und beruft sich dabei auf ein Fotoband von Danny Lyon aus dem Jahre 1968. So erklärt sich auch, dass der Film eher eine Milieustudie als ein Action-Drama oder ein gewalttätiger Krimi ist.
Johnny (Tom Hardy) hat in den 60er Jahren den Bikerclub „The Vandals“ gegründet. Zusammen fahren die Männer durchs Land und hängen gemeinsam ab, auch wenn es mit dem Hitzkopf Benny (Austin Butler) hier und da mal eine Schlägerei gibt. Begleitet werden sie dabei eine Zeit lang von dem Fotografen Danny (Mike Faist), der später seine Bilder mit Interviews ergänzt. Dabei lässt er vor allem Katy (Jodie Comer), Bennys Frau, zu Wort kommen. Sie hat Einblicke in die Struktur und das Leben der Gang, blickt aber auch wie von außen darauf. So erzählt sie, wie sich alles über die Zeit verändert hat und von ihrer Angst, Benny an die Gang zu verlieren.
Der Fotograf Danny Lyon (*1942) folgte in den 60er Jahren dem Zeitgeist der Beat Generation und Autoren wie Hunter S. Thompson, die auf der Straße und in der Bewegung ihre Stoffe und ihre Antworten fanden. Vier Jahre lang begleitete er die Bikergang ‚Chicago Outlaw Motorcycle Club‘, bei der er selbst Mitglied gewesen ist. 1968 veröffentlichte er seinen Fotoband „The Bikeriders“, das auch mit Interviews bereichert wurde.
Der Regisseur und Drehbuchautor Jeff Nichols, der bisher erst fünf Spielfilme u.a. „Take Shelter“ (2011) und „Midnight Special“ (2016) realisiert hat, nahm dieses Buch als Grundlage für sein Drehbuch. Dabei bleibt er in vielen Punkten seiner Vorlage treu und diese bestimmt maßgeblich die Erzählung. Auch wenn dafür aus den ‚Chicago Outlaws‘ die ‚The Vandals‘ werden und auch deren Entstehungsgeschichte nicht so lange zurückreicht wie das Vorbild, ist die Geschichte fest verankert an den Fotos und den Interviews.
Aufgrund der Nähe des Fotografen kommt es auch zu einer gewissen Verklärung mancher Aspekte, die man auch kritischer hätte beleuchten können. Wenn man also einen Film erwartet, der sich differenziert damit auseinandersetzt, ist man hier an der falschen Adresse. Aber auch einen actiongeladenen Film darf man nicht erwarten. Der Film zeigt den Blick eines Mitglieds, das die anfängliche Bewegung mit ihrer Freiheit und dem Nichtstun schätzt und dann die eigentlichen Veränderungen der Gang nur noch durch Hörensagen aufnimmt. So besteht ein Großteil des Films aus Impressionen dieses Straßenlebens, so wie auch die Fotos diesen Einblick gaben. Hinzu kommt die Dreiecksgeschichte zwischen Benny, Kathy und Jonny und die Frage, für welches Leben man sich entscheidet. Kritische Elemente wie Drogenkonsum, Übergriffigkeiten und Gewalt schleichen sich erst nach und nach in die Geschichte ein. Dafür erzählt Nichols den Film auch über die Jahre hinweg und wechselt dabei gern zwischen den verschiedenen Zeitebenen und Interviews hin und her. So entsteht ein entschleunigter Eindruck, der viele Fans des Bikerfilm-Genres nicht glücklich machen wird, aber wenn man Interesse daran hat, wie es sich angefühlt haben könnte, in den 60er Jahren Teil solch einer Gang zu sein, bekommt man hier die Möglichkeit dazu.
Umgesetzt ist der Film perfekt. Der Stil der Fotos wurde beinahe eins zu eins kopiert. Die Stimmung der Zeit und das Leben als Mitglied in so einem Club mit all dem Abhängen und Gechillt-Durch-Die-Gegend-Fahren, wurde fantastisch übertragen. Dazu wurden der Fotograf und seine Tätigkeit ebenfalls gut integriert. Die Ausstattung, die Kleidung und die Frisuren sind ebenso stilsicher wie die ausgewählten Locations, die perfekt zur Geschichte passen. Nichols lässt die Zeit mit größter Detailverliebtheit aufleben und kann hier wirklich punkten. Für seine Rollen fand er auch die perfekten Charakter-Darsteller:innen. Das Haupt-Dreiergespann wird von Tom Hardy („Inception“ (2010), „Mad Max: Fury Road“ (2015), „Legend“ (2015), „Dunkirk“ (2017)), Austin Butler („Elvis“ (2022), „Dune: Part Two“ (2024)) und Jodie Comer („Free Guy“ (2021)) sehr gut gespielt. Aber auch bis in die Nebenrollen wurde der Film u.a. mit Nichols Stammschauspieler – Michael Shannon („Take Shelter“ (2011), „The Shape of Water“ (2017), „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019)), Norman Reedus („The Walking Dead“ (2010-2022)) und Mike Faist („West Side Story“ (2021), „Challengers“ (2024)) sehr gut besetzt. Abgerundet wird es von einem tollen stimmigen Sound und Musikeinsatz. So entstand ein Film, der eine gelungene Milieustudie ist, der alles mit viel Detailverliebtheit zum Leben erweckt.
Fazit: „The Bikeriders“ ist eine gelungene Milieustudie aus der Zeit der Anfänge der Bikerclubs. Dabei ist der Regisseur Jeff Nichols der Vorlage – einem Fotobuch – sehr treu und fängt die Zeit, die Mode und die Stimmung sowohl visuell als auch tonal wunderbar ein. Doch der Film funktioniert nur, wenn man keinen typischen Bikerfilm erwartet, denn um Action und Verbrechen geht es hier wenig.
Bewertung: 7/10
Kinostart: 20. Juni 2024
Trailer zum Film „The Bikeriders“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „The Bikeriders“
- Alexandra Seitz, ‚The Bikeriders: Born to be …‘, ray-filmmagazin.at, 2024
- Podcast Weekend Edition Saturday, ‚Austin Butler on ‚The Bikeriders‘‘, npr.org, 2024
- Movies with My Dad, ‚The Bikeriders‘, beyondcinemadome.com, 2024
- The Strange Harbors Podcast, ‚„The Bikeriders“‘, simplecast.com, 2024
- Truth & Movies: A Little White Lies Podcast, ‚The Bikeriders | Green Border + Agnieszka Holland | The Wild One (1953)‘, acast.com, 2024
- Anna Wollner & Tom Westerholt, ‚Austin Butler und Tom Hardy „The Bikeriders“ im Kino: Brutale Gang-Romanze‘, deutschlandfunknova.de, 2024
- Vollbild, ‚Jeff Nichols‘ „The Bikeriders“ im Kino: Rebellen auf zwei Rädern‘, deutschlandfunkkultur.de, 2024



