„Córka“ (2018)

Kurzfilm / Polen / Fiktion / 2018

Filmkritik: Die in Weißrussland geborene, aber seit einigen Jahren in Polen lebende Filmemacherin Mara Tamkovich erzählt in ihrem Kurzfilm „Córka” (ET: „Daughter“) von einer Vater-Tochter-Beziehung, welche auf die Probe gestellt wird, und gleichzeitig von einem nicht funktionierenden Rechtssystem.

Am 16. Geburtstag seiner Tochter Kamila (Gabriela Chojecka) kommt Piotr (Adam Cywka) nach Hause und findet sie mit aufgeschlitzten Pulsadern in der Badewanne vor. Nachdem seine traumatisierte Tochter aus dem Krankenhaus entlassen wird und nur wenig darüber redet, was mit dem Jungen passiert ist, nimmt er die Sache selbst in die Hand. Doch die Polizei und die Rechtsprechung scheinen ihm wenig helfen zu wollen bei seinem Streben nach Gerechtigkeit.

Arkadiusz Detmer und Adam Cywka

Der 30-minütige Kurzfilm „Córka“, was übersetzt einfach nur Tochter bedeutet, ist ein eindringliches Drama, das Selbstjustiz nicht rechtfertigt, aber das Ausmaß an Verzweiflung zeigt, welches Ungerechtigkeit und das falsche Rechtssystem bewirken können. Zudem greift es die oft angewendete Schuldzuweisungsfrage bei Vergewaltigungen auf, wie auch der Kurzfilm „Augenblicke“ von Kiana Naghshineh. Bei jeder Vergewaltigungsanzeige schwingt häufig noch die Frage nach der Beteiligung des Opfers mit. Die in Weißrussland geborene Filmemacherin Mara Tamkovich lebt seit einigen Jahren in Polen, um dort an der Warszawska Szkoła Filmowa (Warschauer Filmschule) zu studieren. Das polnische Rechtssystem verfügt über Regularien, welche es einem Täter ermöglichen straffrei davon zu kommen. All das verarbeitet die Regisseurin in ihrem Kurzfilm. Die Geschichte konstruierte sie zwar ohne reales Vorbild, zeigt aber erschreckend realistisch, wie ein solcher Fall verlaufen könnt. Sie spitzt zudem die Handlung zu, indem sie eine Figur ins Zentrum setzt, die sich nicht mit dem Status Quo abfinden lassen will. Wunderbar schafft es die Regisseurin auch bei den Zuschauern den allgemeinen Zweifel über eine Vergewaltigung aufkommen zu lassen und provoziert so unterschwellig die richtigen Fragen, welche dem verhärteten Gedankengut und den gesellschaftlichen Strukturen zu Leibe rücken. Hinzu kommt eine visuelle Ausgestaltung, welche sich der Geschichte gut anpasst. Neben einer souveränen, meist ruhigen Kameraarbeit fällt die starke Farbdramaturgie ins Auge. Zudem überzeugen die beiden Hauptdarsteller Gabriela Chojecka und Adam Cywka wunderbar in ihren Rollen. Sie schaffen es Verletzlichkeit, Verzweiflung und Stärke in verschiedensten Ausprägungen einzufangen. So ist der polnische Kurzfilm „Córka“ ein starkes Plädoyer für mehr Gerechtigkeit und zu Gunsten von notwendigen Veränderungen und gleichzeitig eine berührende Vater-Tochter-Geschichte.

Adam Cywka

Fazit: Mara Tamkovichs Kurzfilm „Córka“, gesehen auf der 25. Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg, schafft es unter die Haut zu gehen und ohne Umschweife Missstände anzuprangern. Dabei erzählt die Regisseurin souverän eine Geschichte von einer erschütterten Vater-Tochter-Beziehung und ruft zu Veränderungen auf. „Córka“ ist ein starker Kurzfilm, der handwerklich und storytechnisch auf hohem Niveau überzeugen kann.

Bewertung: 8/10

Trailer zum Kurzfilm „Córka“:

Geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • 25. Regensburger Kurzfilmwoche 2019 – Katalog (Programm ‚Internationaler Wettbewerb‘)  
  • Doreen Matthei, ‚Fünf Fragen an Mara Tamkovich‘, testkammer.com, 2019
  • Eintrag des Kurzfilms „Córka“ beim Listapad, dem ‚Minsk International Film Festival‘
  • Eintrag des Kurzfilms „Córka“ beim Portal ‚polish shorts‘

2 Gedanken zu “„Córka“ (2018)

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