„Der Fall Richard Jewell“ (2019)

Filmkritik: Der Regisseur und Schauspieler Clint Eastwood liefert seit seinem Regieauftakt in den 70er Jahren mit einer gewissen Regelmäßigkeit Spielfilme ab, die es meist auch zu den Oscars schaffen. Der neueste Film des mittlerweile 90-jährigen Filmemachers – „Der Fall Richard Jewell“ (OT: „Richard Jewell“, USA, 2019) – schaffte es mit nur einer Nominierung zu den 92. Oscars, ging aber leer aus. Jetzt startet das Drama, das auf wahren Ereignissen beruht, verspätet in den deutschen Kinos.

Der übergewichtige und meist übersehene Richard Jewell (Paul Walter Hauser) ist Patriot erster Güte und würde alles für sein Land tun. Am liebsten als Polizist, doch als die Ambitionen scheitern, arbeitet er stattdessen als Sicherheitsmann. Während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta ist er dem Centennial Olympic Park zugeordnet und geht seinem Job gewissenhaft nach. Als er einen verdächtigen Rucksack findet, alarmiert er sofort die zuständigen Polizisten und hilft dabei das Gelände zu räumen. Dadurch konnten viele Menschenleben gerettet werden, als dann die Bombe explodiert. Kurzzeitig wird Jewell als Held gefeiert und seine Mutter Bobi (Kathy Bates) ist sehr stolz auf ihn. Doch schnell schießt sich das FBI unter der Leitung von Tom Shaw (Jon Hamm) und die Presse, vor allem Kathy Scruggs (Olivia Wilde), auf ihn als den perfekten Verdächtigen ein. Nachfolgend beginnt eine Schmutzkampagne gegen ihn, welche sein Leben über Monate hinweg zur Hölle macht. In der Zeit kämpft sein Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) unermüdlich für seine Unschuld.

Paul Walter Hauser und Sam Rockwell

Clint Eastwood hat in den letzten Jahren ein Schwäche für reale Stoffe entwickelt. So erzählt er in „15:17 to Paris“ (2018) mitsamt den Originalhelden von einem vereitelten Attentat in einem Zug und in „The Mule“ (2019) von einem Rentner-Drogenkurier, den er mit 89 Jahren noch selber spielte. Auch sein nun mittlerweile 41. Spielfilm beschäftigt sich mit einer realen Person und den Ereignissen rund um das Atlanta-Attentat 1996. Sein Film basiert auf einem Artikel von Maria Brenner in der Vanity Fair: „The Ballad of Richard Jewell“ (Februar 1997). Diese Geschichte sollte schon einmal mit Jonah Hill und Leonardo DiCaprio verfilmt werden, wurde aber nie verwirklicht. Dafür war sie das Thema der zweiten Staffel der amerikanischen Serie „Manhunt“ (2017-2020). Dabei fängt der Film nicht direkt nicht mit dem ausschlaggebenden Ereignissen an, sondern gibt seinen Figuren in einem Prolog die Chance bereits ein Profil zu entwickeln. Die Geschichte verläuft danach chronologisch und lässt sich Zeit bis zu ihrem ersten Höhepunkt – der Explosion. Bis dahin fängt sie nicht nur den Alltag von Richard Jewell ein, sondern führt auch alle anderen wichtigen Personen ein. All seinen neueren Filmen merkt man an, dass Clint Eastwood, der 1955 als Schauspieler begann und 1971 seine erste Regiearbeit („Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten“) ablieferte, nicht mehr versucht, subtil seine Botschaft zu vermitteln. Hier klagt er offensichtlich nicht nur einen defekten Staats- und Polizeiapparat an, sondern verteufelt auch die Presse und ihren Hetz-Journalismus. Unabhängig davon, ob man nun Eastwoods Meinung teilt oder nicht, liefert der 131-minütige Spielfilm gelungene, aufwühlende Unterhaltung ab, welche ein Stück jüngere amerikanische Geschichte für ein internationales Publikum aufbereitet. Wie Richard Jewell (und auch einige andere Beteiligten) den Film selbst gefunden hätten, kann man leider nicht sagen, da er 2007 im Alter von 44 Jahren gestorben ist. Doch Eastwood setzt ihm und damit stellvertretend dem kleinen Mann ein Denkmal.

Ian Gomez, Jon Hamm und Paul Walter Hauser

Die Inszenierung und Ausgestaltung des Films ist, wie man es von Eastwoods Filmen gewohnt ist, schnörkellos. Er konzentriert sich auf die Figuren und die stringente Wiedergabe der Ereignisse. Als kleine Geschichtsstunde fängt er das Bombenattentat in aller Ausführlichkeit und mit gut gemachter Spannung ein. Zusätzlich baut er, ebenfalls wie man es erwartet, etwas Humor und vor allem viel Herz mit ein. Er verlässt sich bei seiner Inszenierung vor allem auf seinen starken Cast. Die offensichtlichen Bösewichte, der FBI-Mann und die Presse-Frau, werden hervorragend durchtrieben gespielt von Jon Hamm und Olivia Wilde, welche mit ihrem Regie-Debüt „Booksmart“ (2019) vor kurzem aufgefallen ist. Doch das Herzstück sind die beiden Darsteller Paul Walter Hauser (gesehen bei „I, Tonya“ (2017)) und Sam Rockwell („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017), „Jojo Rabbit“ (2019) und „Vice – Der zweite Mann“ (2019)). Ihr Zusammenspiel ist großartig, gefühlvoll und birgt humorvolle Einlagen. Hauser schafft es, einen per se unsympathischen Typen – ein Waffennarr, extremer Patriot und scheinbar unfähig alleine zu leben – so mit Charakter zu füllen, dass man sich ganz überraschend gern auf seine Seite stellt. Das ist auch der große Kniff des Films – denn nur so funktioniert diese Heldengeschichte des kleinen Mannes, der nicht nur um Anerkennung, sondern um Gerechtigkeit kämpft. So ist der Stoff perfekt geeignet für den alten Haudegen Clint Eastwood, der auch mit 90 Jahren anscheinend immer noch nicht müde ist, weiterhin Filme zu drehen. 

Sam Rockwell, Kathy Bates und Paul Walter Hauser

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Der Fall Richard Jewell“ erzählt nach einer wahren Begebenheit die Geschichte des unauffälligen Richard Jewell, der beinahe einen Bombenanschlag verhinderte und danach aber nicht zum Helden, sondern zum Täter stilisiert wurde. Dabei erzählt der Regisseur Clint Eastwood in gewohnter, schnörkelloser Manier seine Geschichte, welche der Authentizität geschuldet ist, aber die Bösen klar ausmacht und liefert damit gute und natürlich vor allem emotionale Unterhaltung, welche wunderbar leichtgängig inszeniert ist. 

Bewertung: 7,5/10

Kinostart: 25.06.2020 / DVD-Start: noch unbekannt

Trailer zum Film „Der Fall Richard Jewell“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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