„Vergiftete Wahrheit“ (2019)

Filmkritik: Der Justiz- und Öko-Thriller „Vergiftete Wahrheit“ (OT: „Dark Waters“, USA, 2019) von Todd Haynes wird oft als männlicher „Erin Brockovich“ bezeichnet und kann diesem Vergleich gut standhalten. Zudem kann man ihn eine Reihe mit Filmen wie den Oscargewinner „Spotlight“ (2015) stellen, welcher uns eine wahre Geschichten eindringlich und schnörkellos näherbringen.

In den 90er Jahren wird der Rechtsanwalt Robert Bilott (Mark Ruffalo), frisch gewordener Partner der Kanzlei, von dem Viehzüchter Wilbur Tennant (Bill Camp) aufgesucht. Dieser ist ein Bekannter von Roberts Großmutter, wohnt im ländlichen West Virginia und beklagt, dass die Mülldeponie neben seiner Farm seine Tiere krank macht. Obwohl Bilott eigentlich große Firmen vertritt, nimmt er sich dieses Falles an und erklärt seinem Chef Tom Terp (Tim Robbins), dass es eine schnelle Sache sei. Doch je mehr er sich in dieses Angelegenheit vertieft, umso mehr erkennt er das ganze Ausmaß. Insbesondere, wie die Firma DuPont, welche dafür verantwortlich ist, mit dem Wissen über den Schadens weiterhin agiert und ein gefährliche Chemikalien für ihre Produkte weiterhin einsetzt. So beginnt für Bilott der Fall seines Lebens, der ihn viele Jahre lang beschäftigen wird.

Bill Camp und Mark Ruffalo

Öko-, Gesellschafts- und Justizthriller, welche auf wahren Begebenheiten fußen, gehen immer besonders unter die Haut. Sei es nun die Gerichtsverhandlung gegen den mutmaßlichen Mörder O.J. Simpson in der Serie „The People v. O. J. Simpson“ (2016), die Aufdeckung unzähliger Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in „Spotlight“ (2016) oder die Beschuldigungen gegen Richard Jewell in „Der Fall Richard Jewell“ (2019) von Clint Eastwood. Doch der Spielfilm „Vergiftete Wahrheit“ trifft die ZuschauerInnen noch einmal auf ganz andere Weise, denn hier handelt es nicht nur um etwas Vergangenes, sondern es ist ein immer noch aktuelles Thema und betrifft weltweit alle Menschen. Mit diesem Wissen bekommt der Film eine weitere unheimliche Dimension. Auf Grundlage des Artikels „The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare“ im New York Times Magazine von Nathaniel Rich begleiten wir den Anwalt Robert Bilott von den Anfängen seines Falls bis hin zu den letzten Gerichtsurteilen. In einer Zeitspanne von über 19 Jahren werden hier in 128 Spielminuten die Ereignisse, Wendungen und Aufdeckungen schnörkellos wiedergegeben. Nach der Hälfte des Films ist Bilott und den ZuschauerInnen klar, welches Unrecht hier betrieben wurde, doch das nimmt dem Thriller nicht seine Spannung und so verlagert sich die anfängliche Recherche-Arbeit vor Ort ins Gericht. Den Drehbuchautoren Nathaniel Rich, Mario Correa und Matthew Michael Carnahan ist ein durch und durch erschütterndes und aufwühlendes Portrait vom Kampf eines Mannes gegen einen Chemieriesen gelungen, welches keiner Ausschmückungen bedarf, um die ZuschauerInnen in die Kinosessel zu bannen.

Mark Ruffalo

Die Regie übernahm der amerikanische Regisseur Todd Haynes (*1961), der vor allem mit dem Rocker-Drama „Velvet Goldmine“ (1998), „I’m not there“ (2007) und „Carol“ (2015) bekannt wurde. Alle diese Filme besitzen immer ein Hauch Extravaganz und Glamour. Doch der Übergang zu diesem realistischen Thriller gelingt ihm mühelos. Er schuf mit seiner ernsthaften Inszenierung den perfekten Rahmen für diese unsagbare Geschichte. Zudem kommt hier sein Gespür für frühere Zeiten zu Gute. So schafft er es wunderbar an kleinen Details, wie Frisuren, Kleidung und Inneneinrichtungen, die Zeit von 1998 bis 2017 vergehen zu lassen. Passend zu der zurückgenommenen Inszenierung fällt auch die Wahl der DarstellerInnen auf. Viele bekannte Gesichter wie Tim Robbins („Die Verurteilten“ (1994)), Anne Hathaway („Les Miserables“ (2012), „Man lernt nie aus“ (2015), „Ocean’s 8“ (2018)) und Victor Garber („Der Club der Teufelinnen“ (1996), „Titanic“ (1997))  ordnen sich hier ihr der Geschichte unter. Allen voran Mark Ruffalo in der Hauptrolle des Robert Billot. Mit Understatement gibt er der Figur des Anwalts seine Entsprechung und verschmilzt mit seiner Rolle. Diese Qualität hat der amerikanische Darsteller, Jahrgang 1967, schon häufig bewiesen, sei es nun als Hulk-Darsteller im Marvel-Universum (u.a. „Avengers Endgame“ (2019)), in den Dramen „Die Stadt der Blinden“ (2008) und „Foxcatcher“ (2014), für dessen Rolle er sogar für einen Oscar nominiert war, oder in dem Liebesfilm „Can a Song save your life?“ (2013). Leider wurde er für seine Arbeit bisher nie mit einem Oscar ausgezeichnet. Für seine Rolle in „Vergiftete Wahrheit“ hätte er ihn sich wieder definitiv verdient. So geht bei diesem Drama alles Hand in Hand und mit dokumentarischer Nüchternheit wird hier eine wahre Geschichte aufgearbeitet, welche trotz aller sachlicher Schilderung, nicht nur einen der größten Skandale der neueren Zeit beleuchtet, sondern auch die ZuschauerInnen mit sich reißt.

Tim Robbins, Anne Hathaway und Mark Ruffalo

Fazit: Der Spielfilm „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes ist ein spannender Justizthriller, welcher mit seiner Unmittelbarkeit und Schnörkellosigkeit die ZuschauerInnen direkt packt. Mit einer gelungenen Inszenierung, tollen DarstellerInnen sowie einem fast dokumentarischen Stil überzeugt der Film und ist so ein heißer Anwärter auf einige Oscartrophäen 2021.

Bewertung: 8/10

Kinostart: 8. Oktober 2020 / DVD-Start: –

Trailer zum Film „Vergiftete Wahrheit“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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