„Forrest Gump“ (1995)

1995 / 67. Oscarverleihung / 13 Nominierungen / 6 Auszeichnungen

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Forrest Gump“ gehört wohl zu den Filmen, die jeder kennt. Ein sympathischer Charakter führt uns durch ein Stück der amerikanischen Geschichte. Mit seinem Spiel begeisterte Tom Hanks die Massen und gewann auf der 67. Oscarverleihung, welche am 27. März 1995 stattfand, zu Recht den Oscar für den ‚Besten Hauptdarsteller‘. Zudem konnte der Film noch in fünf weiteren Kategorien (von seinen 13 Nominierungen) siegen und setzte sich als ‚Bester Film‘ u.a. gegen „Quiz Show“ von Robert Redford und „Pulp Fiction“ von Quentin Tarantino durch, welche beide lange Zeit als Favoriten des Abends angesehen wurden. Doch schon die drei gewonnenen Golden Globes ebneten dem Feelgood-Movie den Weg und so gewann Robert Zemeckis seinen bisher einzigen Regie-Oscar.

An einer Bushaltestelle wartet Forrest Gump (Tom Hanks) auf den richtigen Bus, der ihn zu seiner Jugendliebe Jenny (Robin Wright Penn) bringt, um endlich mit ihr zusammen zu sein. Doch bis dahin war es für ihn ein weiter Weg, beginnend bei seiner Kindheit, in der er jahrelang auf Beinschienen angewiesen war, der darauf folgenden Football-Karriere, einer harten Zeit im Vietnamkrieg, einer Tischtennismeisterschaft in China, bis hin zu seiner Laufbahn als Shrimps-Tycoon, und immer schlug sich Forrest durch. Als Spielball seiner Zeit erlebte er viel und wollte doch immer nur zu Jenny.

Tom Hanks

Der 142-minütige Spielfilm basiert auf dem Roman „Forrest Gump“ von Winston Groom (*1943), welcher 1986 erschienen ist, sich aber nicht besonders gut verkaufte. Lange Zeit galt das Buch aufgrund seiner vielen zeitgeschichtlicher Bezüge als unverfilmbar. Der Drehbuchautor Eric Roth wandelte den 254-seitigen Roman für Zemeckis in ein gelungenes Drehbuch um, für welches er auch den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘ gewann. Dabei nimmt sich Roth die Freiheit von der Vorlage abzuweichen. Er verwandelte den Charakter Gumps, strich unnötige, zum Teil abstruse Passagen und bereinigte vor allem die unangenehme Sprache. Groom selbst war davon nicht begeistert, obwohl sich sein Buch nach dem Film viel besser verkaufte. Er liefert mit dem Roman „Gump & Co.“ (1995) seine bissige Antwort, in der er sowohl den Film als auch Tom Hanks als Schauspieler selbst zum Teil der Geschichten werden ließ. Doch Eric Roth hat bei der Adaption alles richtig gemacht. Er nahm der Geschichte das Störrische und erfand einen amüsanten Ritt durch die jüngere, amerikanische Geschichte, aber vor allem spiegelte er viele Strömungen und Mentalitäten der damaligen Zeit wieder. Zudem wurden Passagen, wie das Aufdecken der Watergate Affäre und der Lauf durch ganz Amerika, inspiriert von wahren Ereignissen im Jahre 1982, hinzugefügt. Rundherum ist ein stimmiges Drehbuch entstanden, das wunderbar unterhalten kann und mit Forrest und Jenny, welche auf ihre Art mit all ihren Problemen die Schattenseite von Forrest repräsentiert, eines der bekanntesten Liebespaare der Geschichte schuf. Forrest ist der perfekte Antiheld, der in alles nur so rein stolpert, sich dann aber viel besser schlägt als erwartet und dadurch ständig zum ungewollten Helden stilisiert wird. Aber er ist vor allem eins: sympathisch. Mit ihm zusammen erlebt man gerne viele Episoden der Geschichte und wünscht sich ein Happy End für ihn. Und genau das fehlt der Romanfigur, so dass hier ein Drehbuch das Beste aus der Vorlage herausholte und zu einem besonderen Wohlfühlfilm formte.

Tom Hanks

Die Dreharbeiten für den Film fanden zwischen dem 27. August und dem 9. Dezember 1993 statt. Dabei wurde der Film an vielen Orten u.a. in den Bundesstaaten Kalifornien, Montana, Utah, Maine, Georgia, Arizona, North Carolina, South Carolina und in der US-Hauptstadt Washington D.C. gedreht. Die Kleinstadt Greenbow, Alabama (Forrests Heimatstadt) ist dabei rein fiktiv, wohingegen Bayou LaBatre (Bubbas Zuhause) existiert. Die Szenen in Forrests Zuhause entstanden in einem Filmhaus, was u.a. noch einmal in „Der Patriot“ (2000) wiederverwendet wurde. Einige Requisiten kann man noch heute besuchen, u.a. steht der Krabbenkutter im Wassergraben des Restaurants Planet Hollywood in Orlando (Florida). Doch vor allem die Bank, auf der Forrest sitzt, wurde berühmt. Insgesamt wurden für den Dreh fünf Bänke angefertigt, die nach dem Ende der Dreharbeiten an verschiedene Orte gelangten. Zwei stehen in den Studios der Paramount Pictures, eine ist in Savannah und eine weitere ist im Smithsonian (Washington D.C.) gelandet. Die fünfte bekam der Sicherheitsmann, der den Film überwacht hat. Letzterer hat schon viele Angebote von enormer Höhe für sie bekommen, hat sie aber alle ausgeschlagen. So wie die Geschichte von einer Bandbreite von vielen Orten und Begebenheiten erzählt, so reich ist auch die optische Ausgestaltung. Die Weite Amerikas fängt der Film genauso gut ein, wie das Leben im beschaulichen Greenbow. Dass dies so geschmeidig funktioniert, liegt auch an den eingesetzten CGI-Effekten, welche an vielen Stellen unsichtbar zum Einsatz kommen, so wurden u.a. die Tischtennispartien ohne echte Bälle gedreht und für die Demonstrationen in Washington wurde aus 100 Komparsen digital 1000. Industrial Light & Magic, die Effekt-Schmiede von George Lucas, welche 1975 gegründet wurde, zeichnete dafür verantwortlich. Die größte Leistung ist aber der Einsatz von der Blue-Screen-Technik, sowie dem Warping und Morphing, um Forrest in Archivaufnahmen mit Kennedy, Nixon, Johnson und Ford hineinzubringen. Beispielsweise nahm man die Aufzeichnung von Sammy L. Davis, als er am 19. November 1968 von Präsident Lyndon B. Johnson die Medal of Honor erhielt und montierte Tom Hanks Kopf auf Davis Körper. Die Effekte funktionieren wunderbar (auch heute noch) und tragen viel zur Wirkung des Films bei. Kein Wunder, dass Ken Ralston, George Murphy, Stephen Rosenbaum und Allen Hall für die ‚Besten Spezialeffekte‘ ausgezeichnet wurden. Zudem gewann Arthur Schmidt auch noch dem Oscar für den ‚Besten Schnitt‘. Hinzu kommen die gut komponierten Bilder, für deren Flair sich Zemeckis u.a. an Gemälden von Norman Rockwell orientiert hat, und der zusammengestellte Soundtrack, der den Zeitgeist wunderbar einfängt und schon mit seinem Titelthema genau sagt, was er erreichen will. Der Film kostete 46 Millionen Dollar und ist ein wunderbares Beispiel, wie man Computer-Effekte nicht nur zum Selbstzweck einsetzen kann, sondern dazu, eine Geschichte, in der Fiktion und Realität Hand in Hand gehen, wunderbar zu unterstreichen. 

Hanna Hall und Michael Connor Humphreys

Schon in frühen Jahren wusste Robert Zemeckis (*1952), dass er Filmemacher werden wollte. Seine Leidenschaft begann mit dem 8mm-Projektor seines Vaters und wurde durch den Film „Bonnie & Clyde“ (1967) vollständig entfacht, so dass er beschloss eine Filmschule zu besuchen. Seinen Durchbruch feierte er mit dem Film „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ (1984). Bis heute liefert uns Zemeckis wunderbare Kinounterhaltung u.a. mit der Trilogie „Zurück in die Zukunft“ (1985-1990), „Flight“ (2012) und „The Walk“ (2015). Dabei kann man sich auf sein Gespür für Darsteller und Spannung sowie stets eine Prise Humor verlassen. Zudem hat er auch einen Faible für technische Errungenschaften. So gehörte sein Film „Der Polarexpress“ (2004) zu den ersten Filmen, welche komplett auf computeranimiertes Motion Capturing gesetzt haben. Den bisher einzigen Oscar in seiner Karriere erhielt der Regisseur Zemeckis, der langjährig mit Spielberg befreundet ist und oft von diesem produziert wurde, für „Forrest Gump“. In dieser Literaturverfilmung konnte er all seinen Stärken bündeln und verbindet technische Raffinesse mit einer ebenso packenden und spannenden wie emotionalen Geschichte. 

Tom Hanks

Der Film lebt ebenso von seinem Hauptdarsteller Tom Hanks, den man, obwohl er viele bemerkenswerte Filme realisiert hat, mit der Rolle des Forrest Gump unweigerlich und gerne assoziiert. Zudem erhielt er für diese Rolle seinen zweiten Oscar als ‚Bester Hauptdarsteller‘ in Folge, nachdem er diesen bereits im Jahr zuvor für das Aids-Drama „Philadelphia“ (1994) gewonnen hatte. Diese Ehre gelang bisher nur Spencer Tracey (1937, 1938), Luise Rainer (1936, 1937), Katharine Hepburn (1967/68) und Jason Robards (Nebendarsteller 1976/1977). Tom Hanks gehört bis heute zu den bekanntesten Darstellern. Er ist mittlerweile in über 90 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen gewesen und machte sich zunächst mit (Liebes-)Komödien á la „e-m@il für Dich“ (1998) einen Namen, konnte aber von Anfang an auch in Dramen wie „Apollo 13“ (1995), „Der Soldat James Ryan“ (1998), „Cast Away“ (2000) und „Sully“ (2016) überzeugen. Auch sieht man ihn immer wieder in Komödien wie „Catch me if you can“ (2002) und gelegentlich leiht er Figuren in den Animationsfilmen wie „Toy Story“ (1995) und „Cars“ (2006) seine Stimme. Mittlerweile gewann der Darsteller, welcher 1956 in Concord (Kalifornien) geboren wurde, zwei Oscars, vier Golden Globes und wurde als bisher jüngster Schauspieler mit dem AFI Life Achievement Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Seine Rolle bei „Forrest Gump“ trug wesentlich zu seinem Erfolg bei. Dabei wurde ihm diese Rolle nicht sofort angeboten, zuerst wurden John Travolta, Bill Murray und Chevy Chase gefragt. Doch diese lehnten die Rolle ab und so landete man bei Tom Hanks. Dieser willigte ein, mit der Bedingung, dass die historische Ereignisse nicht verfälscht werden dürfen. Hanks formte die Figur auch mit seinen starken Südstaaten-Akzent, den er sich dafür zugelegt hatte, und durch einige Improvisationen, wie den Satz „My name is Forrest Gump. People call me Forrest Gump“. Tom Hanks wurde für diese Rolle nicht bezahlt, bekam aber Prozente, so dass er am Ende 40 Millionen Dollar Nettogewinn hatte. 

Tom Hanks und Mykelti Williamson

Auch wenn der Film von seinem Hauptdarsteller Tom Hanks lebt, sind auch die anderen DarstellerInnen des Ensembles wichtig für die Wirkung des Films. So gibt Sally Field („Mrs. Doubtfire“ (1993)), die im realen Leben nur zehn Jahre älter ist als Hanks, die resolute Südstaatenmutti und Gary Sinise („New York C.S.I.“ (2004-2013)) gibt den mürrischen Sergeant Dan, den man schnell ins Herz schließt. Den schwierigsten Part, der der Jenny, da sie charakterlich wie ein Antagonist zu Forrest wirkt, übernahm die Schauspielerin Robin Wright, nachdem Darstellerinnen wie Jodie Foster, Nicole Kidman, and Demi Moore die Rolle abgelehnt hat. Sie schafft es, die komplexe Figur mit all ihren Höhen und Tiefen wunderbar einzufangen, und spielt hier vermutlich die Rolle ihres Lebens. Ohne Jenny gäbe es keinen Forrest. Haley Joel Osment, der später mit „The Sixth Sense“ (1999) zu Berühmtheit gelangt ist, gibt hier sein Filmdebüt als Forrest Junior. Zudem wurden einige Familienmitglieder der Crew und Cast eingesetzt. Der jüngere Bruder von Tom Hanks, Jimmy, doubelte ihn in den meisten Laufszenen, einige Kinder von Hanks und Zemeckis spielen im Schulbus Schulkinder und Kurt Russell, mit niemanden verwandt, übernahm die Stimme von Elvis Presley. Im Gesamten wurde hier ein Cast zusammengestellt, der es wunderbar schafft die Geschichte Forrests, auch über die Jahrzehnte hinweg (dank einer guten Maske) einzufangen.

Tom Hanks und Robin Wright

Die Premiere des Films „Forrest Gump“ fand am 23. Juni 1994 in Los Angeles statt, so dass er im Oktober in Deutschland in den Kinos starten konnte. Der Film wurde international begeistert aufgenommen, konnte allein in der USA 330 Millionen Dollar einspielen und weltweit fast das Doppelte. Es ist bis heute das am schnellsten gewachsene Einspielergebnis von Paramount. Er brauchte nur 66 Tage, um die 250 Millionen Dollar Marke zu knacken. Allein in Deutschland schauten über 7,6 Millionen Zuschauer den Film in den Kinos. Nach dessen Kinoerfolg wurde nicht nur ‚Shit Happens‘ zum allgemein gültigen Sinnspruch, sondern auch die Romanvorlage sowie ein Shrimp-Kochbuch verkauften sich hervorragend. Neben den sechs Oscars konnte der Film im selben Jahre auch noch drei Golden Globes gewinnen und wurde später 2011 in das National Film Registry aufgenommen. Nach diesem Erfolg wurde auch eine Fortsetzung geplant und der Drehbuchautor Eric Roth hatte sogar schon das Skript fertiggestellt, als die Ereignisse des 11. September 2001 die Welt erschütterten. Danach erschien es dem Regisseur Zemeckis und den Produzenten nicht mehr zeitgemäß oder relevant genug. So blieb „Forrest Gump“ ohne Fortsetzung und das ist völlig in Ordnung, denn der Film entfaltet seine Magie auch beim nochmaligen Sehen immer wieder und findet ein schönes, emotionales Ende für seinen außergewöhnlichen Filmhelden, welches keiner Fortsetzung bedarf.  

Tom Hanks

Fazit: Auf der 67. Oscarverleihung setzte sich das Feelgood-Movie „Forrest Gump“ gegen seine starke Konkurrenz durch und war mit seinen sechs Oscars von 13 Nominierungen der große Gewinner des Abends. Es wurde dabei nicht nur der Film selbst geehrt, sondern auch das Drehbuch von Eric Roth und die Regie von Robert Zemeckis. Völlig zu Recht, denn sie schufen einen Film, der 25 Jahre nach der Produktion immer noch hervorragend funktioniert. Die kleine Reise durch die amerikanische Geschichte mit einem naiven Helden ist gespickt mit viel Gefühl und Humor und war zum damaligen Zeitpunkt auf der Höhe der technischen Möglichkeiten, so dass der Film auch heute noch die Zuschauer packt und sie auf eine schöne, fast nostalgische Reise mitnimmt.

Bewertung: 9/10

Trailer zum Film „Forrest Gump“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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