94. Oscars 2022

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  1. März 2022 /  Dolby Theatre in Los Angeles

Oscar-Rückblick: Die 94. Verleihung der Academy Awards of Merit, kurz genannt die Oscars, fanden in diesem Jahr 2022 wieder unter dem Stern der Normalität statt. Auf Masken und andere Hygienevorschriften wurde weitgehend verzichtet, man saß und stand wieder nah beieinander. Auch wurde die Show wieder um viele Aspekte, die man im letzten Jahr schmerzlich vermisst hat, erweitert, so gab es wieder Gesangsdarbietungen und eine Anmoderation. Regina Hall, Amy Schumer und Wanda Sykes übernahmen diese und brachten den gesellschaftsbissigen Witz wieder auf die Bühne. Das einzige was von den letzten Jahren übrig geblieben ist, war das Gefühl, dass sie es sehr eilig hatten. Bereits  kurz vor der eigentlichen Verleihung wurden acht Preise verliehen und per Video in die Show integriert. Die dreistündige Verleihung, bei der insgesamt zwölf Filme ausgezeichnet wurden, verging im Gesamten wie im Flug und brachte die eine oder andere Überraschung mit sich.

Wohl die größte Überraschung war, dass die Auszeichnung ‚Bester Film‘ in diesem Jahr an den amerikanischen Spielfilm „CODA“ ging. Er erzählt die Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau, welche sich von ihren Eltern abnabeln und aufs College gehen will. Doch so einfach ist es nicht, denn sie ist das einzige nicht gehörlose Familienmitglied und diese ist auf sie angewiesen. Der Film wurde bei den entsprechenden Rollen komplett mit gehörlosen Schauspieler:innen besetzt, so dass hier das Herz des Ganzen sitzt. Auch die britische Hauptdarstellerin Emilia Jones, welche aber keine Nominierung erhielt, überzeugte, in dem sie sich nicht nur den Akzent der Gegend antrainierte, sondern auch die Gebärdensprache selbst erlernt hat. Dieser großartigen Besetzung verdankt der Wohlfühlfilm seine Wirkung und so hat Troy Kotsur den Preis als ‚Bester Nebendarsteller‘ völlig zu Recht erhalten. Unverständlich dagegen ist die Auszeichnung für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘. Da es sich hierbei schlicht und ergreifend um ein Remake des französischen Films „Verstehen Sie die Béliers?“ (2014) mit ein paar Ergänzungen handelt, spricht es nicht für diese Auszeichnung. Da hätten Romanverfilmungen á la „Dune“, „The Power of the Dog“ oder „Drive My Car“ diesen Preis mehr verdient.

Denis Villeneuves Science-Fiction Epos „Dune“, eine Adaption des Klassikers von Frank Herbert, war mit sechs Trophäen der große Gewinner des Abends. Er wurde nicht nur wie erwartet  für die ‚Besten visuellen Effekte‘ (da hatten Filme wie „Free Guy“ (2021) und „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“ (2021) keine Chance) ausgezeichnet, sondern auch für den ‚Besten Ton‘ und die ‚Beste Filmmusik‘. Der Komponist Hans Zimmer schnappte die Trophäe so u.a. Alberto Iglesias für „Parallele Mütter“ weg. Überraschend waren dagegen die Vergabe der Preise für den ‚Besten Schnitt‘, die ‚Beste Kamera‘ und das ‚Bestes Szenenbild‘, denn hier hatte die CGI-Welt zwar auch viel zu bieten, aber in den Bereichen konnten Filme wie „Nightmare Alley“ von Guillermo del Toro, der komplett leer ausging, einfach mehr liefern. Auch Joel Coens düstere schwarz-weiße Adaption des Macbeth-Stoffes – „Macbeth“ – mit Denzel Washington in der Hauptrolle ging mit drei Nominierungen ebenfalls leer aus. Dieses Schicksal teilte er sich mit den Filmen „Don’t Look Up“ und „Being the Ricardos“.

Als einer der großen Favoriten im Vorfeld galt der einfühlsame Western „The Power of the Dog“, die Adaption eines Romans (1967) von Thomas Savage. Mit 12 Nominierungen ging der mehrfache Golden-Globe-Gewinner ins Renner und konnte dann nur den Preis für die ‚Beste Regie‘ gewinnen. Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion, welche bereits mit ihrem starken Film „Das Piano“ (1993) für diesen Preis nominiert war und seit 13 Jahren keine Filme mehr realisiert hat, gewann zu Recht den Regie-Oscar. Wer ihn sich ebenfalls verdient hätte, ist der amerikanische Regisseur Paul Thomas Anderson, der uns immer wieder mit Filmen wie „Magnolia“ (1999) und „Inherent Vice“ (2014) beglückt. Doch sein diesjähriger Oscarbeitrag „Licorice Pizza“, nominiert für drei Preise, konnte keine Trophäe gewinnen. Vor allem das Drehbuch für das ‚Beste Originaldrehbuch‘ hätte er ebenfalls verdient, aber die Konkurrenz war zu stark. Denn verdient konnte Kenneth Branagh mit seinem Drehbuch zu „Belfast“ diese Auszeichnung gewinnen. Mit seinen sieben Nominierungen war er ebenfalls einer der Favoriten der diesjährigen Oscarverleihung, konnte aber keine weiteren Preise gewinnen. 

Als ‚Bester Hauptdarsteller‘ wurde Will Smith für seine Rolle in „King Richard“ ausgezeichnet. Der Darsteller, den man seit seinen Anfängen in „Der Prinz von Bel Air“ (1990-1996) und „Men in Black“ (1997) kennt, hatte nicht nur einen kurzen Zwischenfall mit Chris Rock, sondern hielt auch eine sehr emotionale Rede mit vielen Tränen. Die Auszeichnung war bereits aufgrund seiner authentischen Personifizierung Richard Williams’ im Vorfeld abzusehen, so dass die starken Darstellungen von Benedict Cumberbatch („The Power of the Dog“) und Andrew Garfield leider keine Chance hatten. Letzterer spielte, sang und tanzte sich in dem Musicalfilm „Tick, Tick…Boom“ in die Herzen des Publikums und hätte diesen wie auch der Film selbst den Oscar für den ‚Besten Schnitt‘ wahrlich verdient.  

Den Preis für die ‚Beste Hauptdarstellerin‘ ging an Jessica Chastain, welche hier bereits zum dritten Mal nominiert war, für den Film „The Eyes of Tammy Faye“. Sie spielt darin die Fernsehpredigerin Tammy Faye, die oft zur Witzfigur wurde, aber sich stark für die Recht der Homosexuellen einsetzte. Sie war neben ihrer christlichen Nächstenliebe vor allem für ihr starkes Make-Up bekannt. So verwundert es nicht, dass der Film auch den Preis für ‚Bestes Make-Up und Beste Frisuren‘ gewann, obwohl die Maske ihres Gegenparts Andrew Garfield nicht so gelungen war. Nur in dieser Kategorie war Ridley Scotts Modehaus-Epos „The House of Gucci“ zu finden. Chastain spielt Tammy Faye über die Jahre hervorragend und mit piepsiger Stimme und lässt das Publikum mitfühlen. Doch in der Kategorie gab es noch zwei weitere Darstellerinnen, die diesen Preis mehr als verdient hätten. Zum einen Penelope Cruz in Almodovars neuesten Film „Parallele Mütter“ und zum anderen Kristen Stewart in „Spencer“. Sie spielt die Rolle der zerbrechlichen Prinzessin Diana so stark, dass das Schicksal auch Menschen berührt, die bisher wenig von dem britischen Königshaus wussten.

Der mit sieben Nominierungen ins Rennen gegangene Musicalfilm „West Side Story“ von Steven Spielberg konnte lediglich den Preis für die ‚Beste Nebendarstellerin‘ gewinnen. Die Darstellerin der Anita, Ariana DeBose, wurde hier absolut begründet ausgezeichnet und hielt eine wunderbare, warmherzige Rede, in der sie u.a. auch Rita Moreno dankte, welche 1962 für dieselbe Rolle den Oscar erhielt. Ebenfalls nominiert war der Film in der Kategorie ‚Bestes Kostümdesign‘, doch hier gewann der Sieger der Herzen – „Cruella“. Die Disney-Verfilmung mit Emma Stone in der Hauptrolle besaß die fantasievollsten Kostüme in diesem Jahr und wurde dafür geehrt. Der Film „West Side Story“ von 1961 konnte damals natürlich auch in der Kategorie ‚Beste Filmmusik‘ glänzen. Das Remake wurde weder in dieser Kategorie und auch nicht als ‚Bester Song‘ nominiert. Als ‚Bester Song‘ wurde „No Time to Die“ von Billie Eilish für den Film „James Bond – No Time To Die“ ausgewählt und setzte sich u.a. gegen Beyonce („Be Alive“ in „King Richard“) und einen Song aus dem Animationsfilm „Encanto“ durch. Der Film aus dem Hause Disney gewann aber den Preis als ‚Bester Animationsfilm‘ und setzte sich so gegen die starke Konkurrenz mit Filmen wie „Raya and the last Dragon“ und den wunderbaren „The Mitchells vs. the Machines“ durch.    

Der Internationale Film war in diesem Jahr stark vertreten. Sei es mit dem Gewinner in der Kategorie – „Drive my Car“ aus Japan, der insgesamt viermal nominiert war, oder dem großartigen, autobiographischen „The Hand of God“ des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino, dem herzerfrischenden „The Worst Person of the World“ von Joachim Trier aus Norwegen oder dem dänischen Anime-Dok „Flee“, der auch in der Kategorie ‚Bester Animationsfilm‘ und ‚Bester Dokumentarfilm‘ nominiert war. In der letzten Kategorie wurde die Musikdokumentation „Summer of Soul (…Or, When the Revolution Could Not Be Televised)“, welche nicht nur ein Zeitzeugnis eines Festivals liefert, sondern ein Portrait der Zeit selbst ist, ausgezeichnet. Als ‚Bester Dokumentar-Kurzfilm‘ wurde „The Queen of Basketball“ prämiert, der die Basketballspielerin Lusia Harris vorstellt und die Zuschauer:innen sofort in ihre Sportkarriere involviert. Als ‚Bester animierter Kurzfilm‘ wurde „The Windshield Wiper“ ausgezeichnet, der von Liebe in Zeiten der Digitalisierung erzählt. In dieser Kategorie hätten es die beiden Stop-Motion-Filme (verstörend: „Bestia“, entzückend „Roter Robin“ von den Aardman Animations Studios) noch mehr verdient, ausgezeichnet zu werden. Auch unter den Kurzfilmen gewann der offensichtlichste Kandidat, da er mit Riz Ahmed („Sound of Metal“) prominent besetzt ist: „The Long Goodbye“. Doch in diese Kategorie gab es noch viele weitere starke Geschichten, u.a. über Zwangsheirat („Ala Kuchuu“), Abschiednehmen („On My Mind“) und der Sehnsucht nach Liebe („The Dress“).

Fazit: Die 94. Oscarverleihung, welche in diesem Jahr immer noch gestrafft, aber wieder unter normalen Bedingungen stattfand, wählte aus der großen Palette vor allem zwei Filme zu ihren Siegern – „Coda“ und „Dune“. Zusätzlich wurden vor allem die Einzelleistungen gewürdigt, was aber auch zeigt, dass sich die Oscars immer mehr einer größeren Bandbreite an Themen öffnen und so Stück für Stück diverser werden.

geschrieben von Doreen Matthei

Rezensionen zu Filmen, die bei den 94. Oscars nominiert oder ausgezeichnet worden sind:

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