- Sieben Fragen an Alice Prosser - 3. April 2026
- „Bleistiftstriche“ (2026) - 3. April 2026
- „Als wäre es leicht“ (2025) - 1. April 2026
Serienkritik: Der vielseitige Regisseur Axel Ranisch, der sich bereits mit seinen Filmen „Dicke Mädchen“ und „Ich fühl mich Disco“ einen Namen gemacht hat, schrieb 2018 aus einer Filmidee heraus seinen Debütroman „Nackt über Berlin“. Diesen hat er nun selbst als sechsteilige gleichnamige Serie verfilmt.
Jannik (Lorenzo Germeno) ist Klassikfan, übergewichtig und schüchtern. Alles keine guten Voraussetzungen, um seinem Klassenkameraden Tai (Anh Khoa Tran) seine Liebe zu gestehen. Als Tai eines Nachts den Schuldirektor Jens Lamprecht (Thorsten Merten) in dessen eigene Wohnung einsperrt und sich in der Nähe ein Versteck eingerichtet hat, ahnt Jannik noch nicht, wie groß die Sache werden wird. Tai will ihn dabei haben, wenn sie den Direktor an seine Grenzen bringen und er hofft auf ein Geständnis bezüglich der Mitschülerin Melanie (Sidney Fahlisch), die sich das Leben genommen hat.
Die Serie von Axel Ranisch („Reuber“ (2013), „Orphea in Love“ (2022)) beruht auf seinem eigenen Debütroman, der 2018 im Ullstein Verlag veröffentlicht wurde. Darin kombiniert er autobiographische Elemente mit einer Coming-of-Age-Geschichte, einem Drama und einem Thriller. Das alles übersetzt er zusammen mit dem Drehbuchautor Sönke Andresen gekonnt in eine sechsteilige Serie, welche in der ARD-Mediathek zu sehen ist. Dabei gibt es hier genauso viele Erzählstränge wie im Roman selbst, sei es die schüchterne Verliebtheit des Haupthelden, die Probleme mit dem Vater, die Liebe zur klassischen Musik, eine queere Liebesgeschichte zwischen einer Schülerin und einer Lehrerin, sowie Mobbing, Integration, die Viet-Community in Berlin und vieles mehr. Trotzdem wirkt die Serie nie überfrachtet, fügt alles spielerisch leicht zusammen, sodass manchmal die leichten, glücklichen Töne überwiegen und manchmal sehr viel Last auf den Protagonisten liegt. Dabei geht es Ranisch nicht um Schuldzuweisungen oder klare Gut-Böse-Definitionen, sondern um moralische Fragen, Grauschattierungen und darum, wie bestimmte Ereignisse und Entscheidungen uns formen und auch unser Miteinander bestimmen.
Im Auftrag von SWR und ARTE wurde die Serie in Berlin gedreht. Um die Geschichte zu erzählen, braucht es nur wenige Schauplätze: Das Zuhause, das vietnamesische Restaurant, die Schule und vor allem der noble Neubau des Lehrers. Um den Charme der großen Stadt einzufangen, bedarf es auch keiner oft gezeigten Orte, so ist Berlin einfach die Stadt, in der man nun mal lebt. Die intimsten und spannendsten Momente entstehen dabei meistens in Innenräumen. Bei der Ausstattung sowie auch den Kostümen folgt Ranisch einem ungekünstelten Credo. Alles sieht sehr authentisch aus, so dass auch bestimmte Shirts mehrmals getragen werden. Auch das natürliche Spiel, gerade was die Hauptfigur Jannik angeht, ist essentiell, denn mit ihm kann und soll man sich identifizieren. Dabei wird man in die eigene Jugend mit all den verwirrenden und peinlichen Gefühlen, aber auch mit so viel Neuem und Aufregendem zurückversetzt. Hinzu kommt die wilde Entführungsgeschichte, die dann auch immer extremer wird. Torsten Merten („Halbe Treppe“ (2002)), für den sich Axel Ranisch ursprünglich die Geschichte ausgedacht hat, spielt alle Facetten seiner Figuren sehr real. Doch nicht nur seine Figur ist fantastisch gespielt. Auch Lorenzo Germeno („Alle für Ella“ (2022)) und Anh Khoa Tran überzeugen als ungleiches Gespann. Devid Striesow („Der Junge muss an die frische Luft“ (2018), „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ (2023)) und Alwara Höfels („Keinohrhasen“ (2007)) als Eltern zeigen eine Bandbreite von authentischer elterlicher Zuneigung und Christina Große („Alaska“ (2023)) als Lehrerin sowie Sidney Fahlisch („Sterben“ (2024)) als ihre Schülerin sind perfekt besetzt. Der Soundtrack ist dann noch das I-Tüpfelchen, das allen Klassik-Muffeln beweist, dass die Musik mehr sein kann als Hintergrundmusik oder langweilig und wird hier perfekt für alle Emotionslagen eingesetzt.
Fazit: „Nackt über Berlin“ ist eine sechsteilige Miniserie von Axel Ranisch und ist nach dem eigenen gleichnamigen Roman entstanden. Sie ist eine Mischung aus Thriller, Drama, Komödie und Coming-of-Age und verbindet gekonnt diverse Erzählstränge zu einem stringenten Ganzen. Das gelingt ihm durch eine authentische Inszenierung, den gelungenen Musikeinsatz und gut ausgewählte Schauspieler:innen.
Bewertung: 4/5
Trailer zur Serie „Nackt über Berlin“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über die Serie „Nackt über Berlin“
- Wikipedia-Artikel über Axel Ranisch
- Anja Rützel, ‚ARD-Miniserie »Nackt über Berlin«: Das Schöne und das Shittige‘, spiegel.de, 2023
- Deutschlandfunk Nova Podcast 1 Stunde Film, 11. Oktober 2023
- Philipp Bovermann, ‚ARD-Serie „Nackt über Berlin“: die netteste Operette der Welt‘, sueddeutsche.de, 2023
- Podcast SWR2 Kultur Aktuell, ‚„Nackt über Berlin“ von Axel Ranisch: Liebenswerte und hochkreative Coming-of-Age Geschichte‘, swr.de, 2023
- Podcast NDR Kultur – Neue Bücher: „Axel Ranisch: „Nackt über Berlin““, 26.03.2018
- Podcast Kompressor: „Serie: „Nackt über Berlin“ – Nerds, Queerness, Kidnapping“, 11.10.2023.


