„The French Dispatch“ (2021)

Filmkritik: Seit seinen frühesten Filmen wie „Rushmore“ (1998) und „The Royal Tenenbaums“ (2001) hat Wes Anderson seinen narrativen und visuellen Stil gefunden und stetig weiter entwickelt. In seinem zehnten Spielfilm „The French Dispatch“ (OT: „The French Dispatch“, USA, Deutschland, 2021) bleibt er seinem Stil treu und erzählt in vier Episoden von der letzten Ausgabe einer Zeitungsbeilage. 

In der Stadt Ennui-sur-Blasé sitzt der französische Ableger der ‚Liberty, Kansas Evening Sun‘ – ‚The French Dispatch‘. Sein Gründer Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) bereitet sich mit seinen Kolleg:innen u.a. dem Reisereporter Herbsaint Sazerac (Owen Wilson) auf die letzte Ausgabe vor, diskutiert welche Artikel sie veröffentlichen sollen und sich so von der Welt verabschieden. Unter anderem erzählt die Kunstkritikerin JKL Berensen (Tilda Swinton) von dem Mörder und Maler Moses Rosenthaler (Benicio del Toro), der in seiner Wärterin Simone (Léa Seydoux) seine Muse fand. Die Politjournalistin Lucinda Krementz (Frances McDormand) berichtet über die französische Studentenrevolte unter der Führung von Zeffirelli (Timothée Chalamet). Und der Bericht über den Koch Nescaffier (Steve Park) von Roebuck Wright (Jeffrey Wright) endet in einem Krimi.

Elisabeth Moss, Owen Wilson, Tilda Swinton, Griffin Dunne und Fisher Stevens

Der neueste Film des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchschreibers Wes Anderson (*1969) ist eine große Verbeugung vor dem Journalismus und der freien Presse. Vor allem ist es auch ein rückwärts gerichteter Blick auf Magazine wie ‚The New Yorker‘, welche die große Inspirationsquelle für das fiktive Magazin ‚The French Dispatch‘ war. Der Herausgeber  von ‚The New Yorker‘, Harold Ross, war auch der Inspirationsquelle für Bill Murrays Rolle. Jede der vier Episoden baut auf einem realen Artikel auf und spürt dem Geist der freien Presse nach. So besitzt der Film etwas Rückwärtsgewandtes und auch melancholische Aspekte, da man sich als Zuschauer:in quasi mit der letzten Ausgabe von dem Medium verabschiedet. Natürlich kann man auch eine Botschaft für die Gegenwart daraus lesen, muss man aber auch nicht und kann so einfach den Ausflug in eine romantische, fiktive Kleinstadt genießen und in der Liebe zum Journalismus mit all seinen Stilblüten schwelgen.

Léa Seydoux

Dass der Film so gut funktioniert, verdankt er dem einmaligen, liebgewonnenen Stil Wes Andersons, den er seit seinen frühen Anfängen etabliert und weiterentwickelt hat und für den er 2015 auch mit vier Oscars für den Film „The Grand Budapest Hotel” (2014) ausgezeichnet wurde. In den Filmwelten von Anderson schmiegt sich alles aneinander und vereint sich in einem unverkennbaren Universum, ob es nun auf dem Meer, in einem indischen Zug oder im Frankreich des 20. Jahrhunderts spielt. Ausstattung und Kostüme passen sich perfekt den Orten und Figuren an. Auch hier wurden die Kostüme wieder von Milena Canonero entworfen, die schon mehrmals dafür den Oscar (u.a. 2007 für „Marie Antoinette“) gewann. Die Räume und Landschaften, in denen sich die Protagonist:innen bewegen, werden auf die typische Art und Weise von der Kamera eingefangen: Oft statisch oder in waagrechten Kamerafahrten ergründet diese die Szenerie. Zum wiederholten Male arbeitete er dabei mit dem Kameramann Robert D. Yeoman zusammen. In diesem doch so individuellen Kosmos bewegen sich die Schauspieler:innen mit der richtigen Mischung aus Authentizität und Künstlichkeit. Die Haltung ist oft etwas zu steif, aber das Gefühl, was durch Worte und Mimik gleichermaßen übertragen wird, ist sehr nahbar und transportiert die oft melancholische Stimmung. Doch trotz dieses gewissen schwermütigen Gefühls ist alles immer schön in Wes Andersons Filmen, vor allem auch diese Traurigkeit. Das verdankt er neben seinem handwerklichen Perfektionismus auch der Riege der fantastischen Darsteller:innen. Allen voran, jene mit denen er immer wieder zusammenarbeitet: Bill Murray („Isle of Dogs – Ataris Reise“ (2018), „The Dead Don’t Die“ (2019)), Owen Wilson ( „Wunder“ (2017), „Loki“ (2021)) und Tilda Swinton („Only Lovers Left Alive“ (2013)). Aber auch die Neuzugänge wie Frances McDormand („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2017), „Nomadland“ (2020)), Timothée Chalamet („Call Me by Your Name“ (2018), „Dune“ (2021)) und Jeffrey Wright („James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ (2021)) fügen sich mühelos ein. So ist „The French Dispatch“ zwar nicht sein stärkstes Werk, was vor allem ein wenig an der Zerfaserung durch die Episoden und deren unterschiedlichen Stärke liegt, aber es ist ein Wes Anderson Film, wie er im Buche steht und bereichert so das Publikum mit einer allumfassenden, wunderschönen, melancholischen Stimmung und schuf Bilder, welche sich ins Gedächtnis eingebrannt haben.

Fazit: „The French Dispatch“ ist die zehnte Regie-Arbeit des Regisseurs Wes Anderson, der hier eine Liebeserklärung an den unabhängigen Journalismus schrieb und inszenierte. In seinem liebgewonnen, unverfehlbaren Stil erzählt er in vier Episoden von der letzten Ausgabe eines Magazins, taucht alles in romantisch verklärtes Zeitkolorit und besticht mit Kamerafahrten genauso wie mit seiner Detailverliebtheit. Hinzu kommt eine Schauspielerriege, die keine Wünsche offen lässt und so ein wunderbares Kinovergnügen bietet.

Bewertung: 8/10

Kinostart: 21. Oktober 2021 / Streaming: Disney+

Trailer zum Film „The French Dispatch“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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