37. Filmfest Dresden 2025

Doreen Kaltenecker
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8. bis 13. April 2025 / Filmtheater Schauburg, Thalia Cinema . Coffee and Cycling, Programmkino Ost, Schloßplatz Dresden, Filmgalerie Phase IV, Clubkino im Lingnerschloß, Zentralkino, Hole of Fame, Kino im Kasten, Kunsthaus Raskolnikow e.V. / Galerie, DIAF – Deutsches Institut für Animationsfilm, Geh8 Kunst Raum Ateliers

Festivalbericht: Die 37. Ausgabe des International Short Filmfestivals in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden, kurz Filmfest Dresden, zeigte an sechs Tagen vom 9. bis zum 13. April an 6 Tagen 380 Kurzfilme aus 61 Ländern. Dabei stand nicht nur das Sonderprogramm unter dem Motto „Solidarisiert Euch!“, sondern dieses zog sich durch das ganze Festival. So merkte man vor allem in den gehaltenen Reden die klare, kämpferische Haltung an, die sich gegen die Kürzungen im Kultur-Sektor richteten. Die Festivalleiterin Anna Gaschütz und ihre Stellvertreterin Sylke Gottlebe sprachen sich für ein vielfältiges kulturelles Angebot aus, das auch gerade in diesen höchst politischen Zeiten von großer Notwendigkeit ist. Auch vielen Filmen merkte man den ernsten Hintergrund, gesellschaftliche Missstände wie auch die ernsten politischen Zeiten an. Trotzdem schaffte es das Filmfest auch in diesem Jahr – gerade mit seinen Kooperationen – auch Leichtigkeit und Humor ins Festival zu bringen.

Internationaler Wettbewerb

Schauburg Dresden

Der Internationale Wettbewerb zeigte in diesem Jahr 35 Kurzfilme aus 27 Ländern. Darunter waren auch 15 Animationsfilme. Außerdem wird der Wettbewerb immer durchlässiger und zeigt immer mehr Filme, die man fast dem Dokumentarischen zurechnen kann. Gleich mit zwei Preisen –  Goldener Reiter Kurzfilm und ARTE Kurzfilmpreis – Nationaler & Internationaler Wettbewerb– wurde der panamaische Kurzfilm „Panadrilo“ von Marcela Heilbron ausgezeichnet. Die Geschichte von Einwander:innen und welche bereit sind, drastische Wege zu gehen, um ein besseres Leben zu führen, war der Kern dieser ungewöhnlichen Geschichte, in der Krokodile eine wichtige Rolle spielen. Auch um Integration und ein menschliches Miteinander ging es in dem leicht futuristischen „Vox Humana“ von Raphael Eblahan Don Josephus von den Philippinen, der ebenso das Fantastische nutzt, um seine aktuelle gesellschaftskritische Geschichte zu erzählen. Er gewann den Goldenen Reiter der Jugendjury. Auf unsere westliche Gesellschaft und die Menschen, die übersehen werden und einsam sind, wirft der niederländische Kurzfilm „Astro“ einen Blick, der mit dem Goldenen Reiter für Filmton ausgezeichnet wurde. In einem typischen Großraumbüro arbeiten Menschen, welche Weissagungen für Anrufende tätigen. Das Publikum folgt einer neuen Mitarbeiterin auf Schritt und Tritt und erlebt, wie diese überraschenderweise, übersinnliche Fähigkeiten entwickelt. Seit acht Jahren wird auf dem Filmfest auch der LUCA Filmpreis für Geschlechtergerechtigkeit auf dem Filmfest vergeben. Dieses Jahr ging es an die queere, überraschend offenherzige Geschichte „Like what would Sorrow look“ aus China.

Schauburg beim 37. Filmfest Dresden

Erst wenige Jahre, seit 2021, vergibt der Verband der deutschen Filmkritik einen Preis. In diesem Jahr ging er an den kanadischen Genre-Film „Gender Reveal“ von Mo Matton. Darin erzählt eine non-binäre Person von Vorfällen, die bei der Baby-Geschlechts-Enthüllungspartys des Chefs ereignen. Der Film arbeitet dabei wunderbar mit viel Übertreibung und Spaß am Genre. Gleichzeitig fanden sich beinahe dokumentarisch erzählte Geschichten über einen große Bandbreite an Themen im Internationalen Wettbewerb: Das Leben im Ukraine-Krieg fängt „Thoughts On Peace In An Air Raid“ von Vyacheslav Turyanytsya ein. Der kubanische „A Bird Flew“ berichtet nicht nur von einem Volleyballspiel, sondern auch von der Verarbeitung eines Verlustes. Auch „Ruby Alia Ritchy“ erzählt mit authentischen Aufnahmen von dem Verlust eines geliebten Menschen. „Changing Room“ von Violette Gitton thematisiert toxische Männlichkeit, wählt einen sehr authentischen Ansatz und schafft es damit direkt zu berühren. Ganz anders als „Genealogy of Violence“ aus Frankreich, der mit seiner Geschichte über Rassismus ebenfalls emotional berührt, aber mit einem ungewöhnlichen Stil mit 3D-Kamerafahrten besticht. Ein junger Mensch steht ebenfalls im Zentrum der Coming-of-Age-Geschichte „Resentment“ von Gleb Osatinski, der darin Erinnerungen an seine Jugend in den 1990er Jahren in der Ukraine aufbereitet. 

Eröffnung des 37. Filmfest Dresden

Als Bester Animationsfilm wurde der brasilianische „The Girl and the Pot“ von Valentina Homem und Tati Bond ausgezeichnet. Es erzählt eine andere Art der Entstehungsgeschichte und besticht mit schönen, handwerklich stimmig umgesetzt Bildern. Auch die iranische Filmemacherin Shiva Sadegh Asadi liefert mit ihrem neuesten Kurzfilm „Aquatic“ wieder ein vieldeutiges Werk, das sie mit großem künstlerischen Können umgesetzt hat. Der Goldene Reiter des Publikums ging an den großartigen belgischen „Wander to Wonder“ von Nina Gantz, der bereits für einen Oscar nominiert war. Es erzählt eine Geschichte vom Verlassenwerden und setzt das Ganze mit großartigen Stop-Motion-Bildern und vielen überraschenden Einfällen um. Der „voll politisch“ – Kurzfilmpreis für demokratische Kultur ging an den Animationsfilm „I died in Irpin“ von Anastasiia Falileieva, die darin von ihren persönlichen Erfahrungen während des Ukraine-Krieges erzählt. Ebenfalls im Programm lief der niederländische Film „Mother’s Child“ von Naomi Noir, der bereits im Berlinale Shorts-Programm mit seinem konsequenten Stil und der berührenden Geschichte über häusliche Pflege auffiel. Wie es sich anfühlen kann, gestresst zu sein, macht der südkoreanische Kurzfilm „Desk Bugs“ wunderbar greifbar. Auch die Hauptfigur in dem schweizer Kurzfilm „Without Voice“ von Samuel Patthey empfindet einen gewissen Druck, steht sie doch gefühlt an einer Schwelle, wo sie sich entscheiden muss, wie sie ihr Leben leben möchte.

Nationaler Wettbewerb

Filmgespräch beim 37. Filmfest Dresden

Beinahe ebenso international und mit vielen Blickwinkeln ist der Nationale Wettbewerb des Filmfestes aufgestellt. Dort erhielt der bisher auf vielen Festivals gezeigte „Fire Drill“ von Maximilian Villwock den Goldenen Reiter Kurzfilm. Der Film erzählt die authentische Geschichte eines jungen Mannes aus der Ukraine, der fernab der Heimat arbeitet, aber seinen Job riskiert, als er sich damit konfrontiert sieht, in ein Kriegsgebiet zurückzukehren. Die Jugendjury zeichnete den mit Stop-Motion, Lebensmittel und einer anatomisch korrekten Puppe realisierten Kurzfilm „The Male Gaze Recipe“ von Alma Weber und Joey Arend aus. Der feministische Kurzfilm spielt mit dem männlichen Blick und Rollenmustern. Den höchst dotierten Preis des Festivals – den Sächsischer Filmförderpreis – erhielt der großartige „Saigon Kiss“ von Hồng Anh Nguyễn, der von einer Begegnung in den vollen Straßen Saigons erzählt und wie langsam eine Verbindung entsteht. Die Aufnahmen entstanden dabei im realen Verkehr der vietnamesischen Großstadt. Ebenfalls mit realen Aufnahmen arbeiteten die beiden Kurzfilme „Spätsommer 91“ von Olaf Held, der bereits seit 2013 in der Sichtungskommission des Mitteldeutschen Wettbewerbs ist und hier die realen Videoaufnahmen von 1991 mit einem Voice-Over fiktionalisierte, und „Like Horse Standing in the Rain“, der Weihnachten in deutschen Großstädten und im ländlichen Raum gegenüber stellt. 

Sofija Zivkovic (Regisseurin „Do Something“) bei der Preisverleihung des 37. Filmfest Dresden

Gleich zwei Preise (Goldener Reiter Animationsfilm und Goldener Reiter des Publikums) konnte auch der entzückende Animationsfilm „Do Something“ von Sofia Živković gewinnen, der ein Blutkörperchen auf eine Reise schickt und an dessen Ende das depressive Gehirn Brian wartet. Der DEFA-Förderpreis Animation ging an „Pear Garden“, der aus der Sicht eines Kindes von dem Umgang mit einer Brustkrebserkrankung erzählt. Auch in „Occhio“ geht es um eine Krankheit und eine persönliche Reise durch die deutschen Arztpraxen, die das Augenleiden behandeln sollen. Dafür findet die Regisseurin Giulia Falciani unheimliche bis verstörende Bilder, die sie mit verschiedenen Techniken geschaffen hat. Einen hohen künstlerischen Anspruch hat auch der Kurzfilm „Moral Support“, der einen Schreckensbilderreigen vom Krieg zur Musik der slowenischen Band Laibach zeigt und mit seiner Machart und einer starken Bildsprache ganz ohne Worte seine Botschaft transportiert. 

37. Filmfest Dresden

Der kleine Bruder des Nationalen Wettbewerbs ist der Mitteldeutsche Wettbewerb, der in diesem Jahr acht Filme aus Mitteldeutschland zeigt. Dort gewann die Dokumentation „Social Club“ von Sophie Mühe, die von einem inklusiven Fußball-Fanclub in Chemnitz erzählt. Der Animationsfilm „Detlev“ gewann dagegen die Herzen des Publikums. Auch in diesem Wettbewerb fanden sich Beiträge, die zeigen, dass der Kurzfilm ein Ausprobieren und Fabulieren zulässt (Bsp.: „Möbelhaus Sexy“). Wer Interesse an Filme aus dieser Region hatte, konnte in diesem Jahr auch das Chemnitz-gewidmete Sonderprogramm sehen oder den Regionalen Fokus, der sich in diesem Jahr mit sorbischen DDR-Filmen beschäftigt hatte, besuchen. 

Bereits in der Testkammer:

Saigon Kiss“ von Hồng Anh Nguyễn

Ungewollte Verwandtschaft“ von Pavel Mozhar

Sonderprogramme

Thalia beim 37. Filmfest Dresden

Auch in diesem Jahr gab es viele Sonderprogramme, die sich teilweise schon vor vielen Jahren etabliert haben. Das Programm ‚Fokus Quebec‘ feierte in diesem Jahr seine Volljährigkeit und arbeitet seit 2007 mit Filmschaffenden aus der kanadischen Stadt zusammen. Dieses Mal war das Programm dezidiert weiblich und bot eine breite Palette an Filmen, die verschiedene Erzählweise von Animadok bis Kunstperformance wählten, um ihr Publikum zu erreichen. Davon blieben der Doku-Kurzfilm „A Hole in a Leg“ von Martine Asselin, der von einem schicksalhaften Erlebnis einer jungen Frau erzählt, genauso im Gedächtnis wie der schnell geschnittene „Cher Zoscar“, dem man die Liebe zum Film mit all seinen erzählerisch kreativen Möglichkeiten ansah. Der ungewöhnliche Biker-Western-Film „Sylvie on the Loose“ war nicht nur ungemein unterhaltsam, sondern auch ein schönes Plädoyer für das Aufstehen gegen häusliche Gewalt. Der Kurzfilm „Three Screaming Vaginas“ wählt ebenso Humor, aber auch viel Offenheit für seine Geschichte. 

Eyup Kuş (Regisseur „Jenseits der Fassade“) beim 37. Filmfest Dresden

Das ‚Experimente‘-Programm feierte in diesem Jahr sein 30. Jubiläum und zeigte wieder eine Auswahl an Kurzfilmen, die sich bestimmter Techniken und Erzählweisen bedienen, die nicht unbedingt narrativ erzählen, sondern ein anderes Erleben möglich machen. Der Schwerpunkt beschäftigte sich in diesem Jahr u.a. mit Filmen zum Klimaschutz,u.a. mit  „Ashen Sun“ und „Elegy for the Glacier“. Ein anderer Schwerpunkt-Block wirft einen weiten Blick auf die Geschichte der Roma. Besonders lohnend waren auch in diesem Jahr die ‚Diskurs Europa‘-Programme, die 12 Kurzfilme aus Schweden zeigten und mit Filmen wie „Northern Great Mountain“, „Fuck You“, „Doris & Bettan – Marbella Mayhem“ einen bunten Querschnitt durch die Gesellschaft und Themen des Landes machte. Auch das Open Air, das zum zweiten Mal auf dem Schlossplatz stattfand, erfreute sich in diesem Jahr großer Beliebtheit und zog noch mehr Besucher:innen als in den Jahren davor an. Für die Nachtschwärmer gab es in diesem Jahr drei ‚Cinema Digestif‘- Programme, die meist Genre-Filme und viele Überraschungen zu bieten haben. 

Kinder- und Jugendprogramm

Seit 2017 stellt das junge Kuratorium das Kinder- und Jugendprogramm des Festivals zusammen. Dieses Mal unter der neuen Führung von Fabian Fornalski. Auch in diesem Jahr gab es fünf Blöcke, die sich an verschiedene Altersgruppen richteten. Bis auf ‚Jugend 2‘ werden dabei nicht deutschsprachige Filme live eingesprochen. Auch gab es in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, für seine Lieblinge abzustimmen. Bei den Kindern waren alle drei Gewinner Animationsfilme. Besonders der liebevoll gezeichnete und kreativ erzählte „Writing Home“ von Eva Matejovicová machte auf sich aufmerksam. Entzückend war auch „Baking with Boris“, der den Kindern nicht wunderbar das Bäckerhandwerk vermittelte, sondern die Wohltat von Gemeinschaft und Zusammenarbeit. 

Junges Kuratorium bei der Eröffnung des 37. Filmfest Dresden

Die zwei Jugend-Programmen hatten wie schon in den vergangenen Jahren wieder eine gute Mischung aus Filmen, die sich mit vielen wichtigen Themen der Zeit beschäftigen, wie Selbstbestimmung, Zugehörigkeit und was es bedeutet, sich treu zu sein oder ein Mann in dieser Zeit zu werden. Der polnische „Potatoes“ von Marcin Podolec erzählt kurz und knapp, wie man sich auch von falschen Erziehungsmethoden lösen kann. Auch viele queere Stoffe gab es in diesem Programm zu sehen. So erzählt „Turmspringer“ von einer Jungs-Freundschaft, die eindeutig mehr ist, „Solo Kim“ von einer Transition und was dies für Kims Arbeit bedeutet, und „Someone Special“ wie man aus einer anfänglichen Dating-Lüge schwer wieder rauskommt. Auch der brasilianische Film „Lapso“ erzählt von einer Jugendliebe zwischen einer Gehörlosen und einem aufbegehrenden Jungen, der gerne mal aneckt, und wie diese eine gemeinsame Sprache finden.

Lieblingsfilme im Kinder- und Jugendprogramm

Kids 1 – „Ummi und Zaki“ von Daniela Opp, Deutschland 2024

Kids 2 – „Hoofs on skates“ von Ignas Meilunas, Lithuania 2024

Kids 3 – „Writing Home“ von Eva Matejovicová, Tschechische Republik 2024

Jugend 1 – „Vogel, flieg!“ von Rabeah Rahimi, Deutschland 2024

Jugend 2 – „Quelqu’un de spécial“ („someone special“) von Alice Gervat, Frankreich 2024

Trailer des 37. Filmfest Dresden 2025:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

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