Rainald Goetz: Johann Holtrop

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Rainald Goetz @Suhrkamp Verlag

Buchkritik: Es tut mir leid, ich war zu langsam. Ich wollte einen Roman des aktuellen Büchnerpreisträgers vorstellen, und zack! bekommt der Nächste den Preis. Marcel Beyer ist es diesmal. Und trotzdem, jetzt geht es um Rainald Goetz und seinen Johann Holtrop. Und deshalb: Volker Braun.

Ja, ich bin schon wieder bei einem anderen Autor. Volker Braun schrieb den Hinze-Kunze-Roman, ein Ding, das trotz schärfster DDR-Kritik die Zensur passierte. Es zeigt die Gesellschaft, die verrohten Mächtigen und die recht gleichgültigen Untergebenen. Dafür nutzt es einen Stil, der erst einmal abschreckend verschwurbelt, verschachtelt und verwirrend ist. Die ersten zehn Seiten verstand ich wenig und überlegte viel, ob ich wirklich weiterlese. Ein Glück, dass ich es tat! Beim Johann Holtrop ist der Leser etwas schneller drin, doch Stil und Thematik sind seelenverwandt mit dem Hinze-Kunze-Roman. Nur: Der Holtrop, Jahrgang 2012, packt die neuesten, brennendsten Themen an. Da geht es um einen erfolgsgeilen Manager, der zockt, was das Zeug hält. Die Firma geht pleite? Tja, schade, aber ich habe meine Leistung erbracht und bekomme dafür bitteschön noch die zehn Millionen Euro. Also, ein Bitteschön kommt dem Manager natürlich nicht über die Lippen.

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“Rico, Oskar und die Tieferschatten” von Andreas Steinhöfel (2008)

© Carlsen Verlag

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Buchkritik: Der deutsche Schriftsteller Andreas Steinhöfel (*1962) schreibt seit 1991 Kinder- und Jugendbücher. Doch keines scheint Kindern so aus den Herzen zu sprechen, wie die Figur des Rico in “Rico, Oskar und die Tieferschatten”.

Frederico “Rico” Doretti, ein tiefbegabter (da behindert einfach falsch klingt) Junge, liebt Kriminalgeschichten. Zwar geht in seinem Kopf manch eine Information mal verloren, aber er versucht stets den Dingen auf den Grund zu gehen. Als er auf den hochbegabten Oskar trifft, glaubt er endlich einen Freund gefunden zu haben und will sich ihm anvertrauen. Rico wird seit Monaten von den Tieferschatten im unbewohnten Hinterhaus verängstigt und möchte das Geheimnis dahinter lüften. Doch gerade als er es Oskar erzählen will, wird dieser von Mister 2000 entführt. Also macht sich Rico allein auf die Suche nach seinem Freund.

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“Mängelexemplar” von Sarah Kuttner (2009)

© Amazon.de

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Buchkritik: Die 1979 in Ostdeutschland geborene Sarah Kuttner machte als Viva-Moderation auf sich aufmerksam. Viele Jahre lang war sie nebenbei als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress tätig. Das Buch “Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens” (2006) stellt eine Sammlung dieser geschriebenenen Texte dar. Ihr erster Roman “Mängelexemplar” erschien drei Jahre später. Seitdem wurden noch zwei weitere Romane veröffentlicht: “Wachstumsschmerz” (2011) und “180° Meer” (2016).

In ihrem Debütroman erzählt Kuttner von Karo. Diese ist Ende 20, hat gerade ihren Job verloren und führt eine unglückliche Beziehung. Um sich selbst zu helfen, begibt sie sich freiwillig in Therapie und versucht so schnell wie möglich wieder normal zu werden. Doch als die Angstzustände und Panikanfälle immer schlimmer werden, braucht sie die Hilfe von ihrem besten Freund Nelson, ihrer Mutter und Medikamenten. Mit dem Stigma Depression versucht Karo nun wieder ihr Leben aufzubauen.

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Christoph Hein: Glückskind mit Vater

@Suhrkamp Verlag

Halbe Rezension: Ein alter Mann erzählt seine Lebensgeschichte. Was nach absoluter Ödnis klingt, wird bei Christoph Hein zum mitreißenden Geschichtserlebnis. Gestern erschien der Roman. Auf der Internetseite des MDR Figaro liest ihn der Schauspieler Ulrich Matthes. Bis Ende nächster Woche kommt jeden Tag ein neues Stück dazu. Noch sind alle abrufbar und werden zum Schluss insgesamt knapp sieben Stunden Unterhaltung bieten.

Konstantin Boggosch heißt eigentlich Müller. Dass er den Namen des Vaters ablegte, das hat die Mutter nicht deshalb veranlasst, weil es Müllers wie Sand am Meer gibt. Nicht wegen der Beliebigkeit. Im Gegenteil wäre der Familienname Müller in dem kleinen Heimatstädtchen bekannt und eindeutig. Müller, das ist gleichbedeutend mit Kriegsverbrecher. Weiterlesen

„ Anders“ von Andreas Steinhöfel

 

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Andreas Steinhöfel: Anders. Mit Illustrationen von Peter Schössow. @ Königskinder Verlag (Carlsen)

Buchkritik: Andreas Steinhöfel steht für Kinder- und Jugendbücher, in denen Realität steckt. In seinen Büchern gibt es selten Bilderbuchfamilien. Er hält es nicht für nötig, Kinder vor der Welt und dem Leben, das sich darauf abspielt, zu schützen. Das ist es, warum die ihn so lieben und sich die Lektüre auch für Erwachsene lohnt. Der warme Erzählton trägt seinen Teil dazu bei.

 

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“Dead Zone – Das Attentat” von Stephen King (1979)

© Verlagsgruppe Random House GmbH

© Verlagsgruppe Random House GmbH

Buchkritik: Die Verfilmung “Dead Zone” von 1983 mit Christopher Walken (Regie: David Cronenberg) und die Serie “Dead Zone”, welche 2002 bis 2007 ausgestrahlt wurde, wecken das Interesse von Cineasten, die sich fragen, wie ein einzelner Film oder gar eine ganze Serie aus einem Roman entstehen können.

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“Er ist wieder da” von Timur Vermes (2012)

© Bastei Lübbe / Eichborn

© Bastei Lübbe / Eichborn

Buchkritik: Der deutsche Journalist und Autor Timur Vermes (*1967) sorgte mit seinem Debütroman “Er ist wieder da” 2012 für weltweites Aufsehen. Das Buch war in aller Munde und hielt sich zwei Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Beststellerliste. Es wurde in 41 Sprachen übersetzt.

Das provokante Buch verkauft sich allein in Deutschland zwei Millionen Mal. Es handelt von Adolf Hitler, der einfach so im Jahre 2011 in Berlin aufwacht. Der Leser folgt Hitler dabei, wie er die neue Welt kennenlernt und wie er plant, die Macht zurückzuerobern.

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“Taxi” von Karen Duve (2008)

TaxiBuchkritik: 2008 erschien der Roman “Taxi” der deutschen Schriftstellerin Karen Duve (*1961). Er erzählt von der jungen Taxifahrerin Alexandra Herwig, die aus einer Laune heraus 1984 in Hamburg anfängt Taxi zu fahren. Anfänglich berauscht von der Nacht, dem Geld und der Freiheit entwickelt die Figur immer mehr Depressionen und Widerstand gegen diese Arbeit. Man verfolgt das Schicksal der Heldin über sechs Jahre lang und ist dabei, wenn sie Höhen und Tiefen erlebt oder Schwierigkeiten in der Liebe hat. Duve, die selbst 13 Jahre lang Taxifahrerin in Hamburg war, hat bereits vor ihrem Debütroman “Regenroman” (1999) ein 800-seitiges Manuskript verfasst, das vom Taxifahren handelt. Der nun verlegte ca. 300-seitige Roman “Taxi” bietet vieles, was man von einem guten Roman erwartet: Eine außergewöhnliche Heldin, interessante Nebenfiguren, eine unorthodoxe Liebesgeschichte und einen Einblick in eine eher unbekannte Welt. Gespickt ist das alles mit gutem Humor und  ansprechenden (Lebens-)Weisheiten. Die Entwicklung, welche die Geschichte zeichnet, lässt nie an Spannung nach. Sie verändert Stück für Stück die Tonlage und entwirft so ein treffsicheres Gesellschaftsporträt, was die Gefühle vieler Platzsuchender der damaligen und der heutigen Zeit trifft. Die veränderte Stimmung ist aber auch das Manko des Buches: Nicht jeder mag sich mit dem Wechsel vom beschwingten zum gedrückten Ton anfreunden. Doch im Gesamten verdient dieses Buch eine definitve Empfehlung.

Bewertung: 4/5

Quellen: