Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

@Rowohlt Verlag

Buchkritik: Hände weg, Hypochonder! „Arbeit und Struktur“ ist das Tagebuch eines unheilbar Krebskranken. Weil der Wolfgang Herrndorf heißt und ein mit warmherzigem Humor begnadeter Autor ist, haben wir es hier nicht mit einem Report aus Jammer und Klage zu tun. Herrndorf schreibt über ärgerliche, anstrengende und lustige Begebenheiten. Er notiert seine Ängste und Gedanken, beschreibt seine Termine mit Ärzten und die Treffen mit Freunden. Auch die Symptome, die er durch den Hirntumor und die Operationen hat, hält er fest.

Genau das löst bei manchem Leser leichte Anflüge von Hypochondrie aus. Bewegt sich da im äußersten Sichtfeld wirklich was, oder bilde ich mir das ein? Woher kommt denn die Stimme in der Straßenbahn? Da steigt Unruhe auf, bis man den in den Sitzplatz gesunkenen Handytelefonierer sieht.

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Jacques Tardi: Elender Krieg

@ Edition Moderne

Buchkritik: Wenn ein Comicautor in die französische Ehrenlegion aufgenommen werden soll, ist das schon außergewöhnlich. Eine wirkliche Bombe ließ Jacques Tardi platzen, als er die ihm angedachte Ehre rundheraus ablehnte. Doch wer sich Tardis Schaffen anschaut, zum Beispiel den Comic „Elender Krieg“, den wundert diese Reaktion nicht.

Der Große Krieg, das ist für unsere französischen Nachbarn (und auch die Engländer und Italiener) der Erste Weltkrieg. 2008, als die ersten offiziellen Überlegungen zum 100-jährigen Jubiläum des Krieges anfingen, brachte Tardi bereits den ersten Teil von „Elender Krieg“ (frz. Originaltitel: Putain de guerre!) heraus. Er erzählt die Jahre 1914 bis 1916. Der zweite Teil folgte 2009. Der Verlag Edition Moderne packt beide Teile plus einem sehr ausführlichen historischen Anhang von Jean-Pierre Verney zusammen.

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Jetzt günstig ins Staatsschauspiel kommen!

Kultiger Spaß: Frau Müller muss weg @Matthias Horn für Staatsschauspiel Dresden

Letzte Chance, günstiges Vergnügen: Wenn der Dresdner Intendant Wilfried Schulz nach Ende der Spielzeit nach Düsseldorf geht, nimmt er viele Künstler mit. Stücke, in denen diese Schauspieler auftreten, gehen deshalb aus dem Repertoire, und einige andere auch. Um den Abschiedsschmerz ein wenig zu mildern, zeigt das Staatsschauspiel diese Stücke zum vergünstigten Preis. Das heißt 10 Euro auf allen Plätzen. Wer schnell ist, sitzt für wenig Geld vorne im Parkett. Eine kleine Liste, was zu sehen sich wirklich lohnt.

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Tim Burton: Das traurige Ende des Austernjungen (2011)

@ Quadriga Verlag

Buchkritik: Filmmagier Tim Burton erzählt seine Geschichten einmal nicht in opulenten bewegten Bildern. Sondern in gereimten Kurzgeschichten. Die garniert er mit leicht krakeligen, ausdrucksstarken Zeichnungen. Wer dem makabren Witz von Tim Burtons Filmen verfallen ist, wird das kleine Büchlein berauscht lesen.

23 oft sehr kurze Geschichten vereinen sich im feinen Leineneinband mit Lesebändchen. Unter den Protagonisten tummeln sich Mumien und Giftkerle, ein Schmutzfink und eine Handvoll normal gestaltete Menschen, die sich bald schon einen Schaden zuziehen. So weit, so Tim Burton. Nicht wenige der Figuren erinnern an Helden aus seinen Filmen. Da gibt es Stöckchen, verliebt in Zündhölzchen. Während Zündhölzchen mit verführerischem Wimpernklimpern das Stöckchen in heiße Liebesglut stürzt, erkennt der Leser in den beiden Jack Skellington und Sally wieder.

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Christoph Hein: Glückskind mit Vater

@Suhrkamp Verlag

Halbe Rezension: Ein alter Mann erzählt seine Lebensgeschichte. Was nach absoluter Ödnis klingt, wird bei Christoph Hein zum mitreißenden Geschichtserlebnis. Gestern erschien der Roman. Auf der Internetseite des MDR Figaro liest ihn der Schauspieler Ulrich Matthes. Bis Ende nächster Woche kommt jeden Tag ein neues Stück dazu. Noch sind alle abrufbar und werden zum Schluss insgesamt knapp sieben Stunden Unterhaltung bieten.

Konstantin Boggosch heißt eigentlich Müller. Dass er den Namen des Vaters ablegte, das hat die Mutter nicht deshalb veranlasst, weil es Müllers wie Sand am Meer gibt. Nicht wegen der Beliebigkeit. Im Gegenteil wäre der Familienname Müller in dem kleinen Heimatstädtchen bekannt und eindeutig. Müller, das ist gleichbedeutend mit Kriegsverbrecher. Weiterlesen

Patzer auf der Bühne

Lars Jung wendet sich zum Bühnensohn: „Sohn, was sagst du dazu?“ Der Bühnensohn wendet sich fröhlich zur Souffleuse: „Ja, Annie, was sag‘ ich denn dazu?“ – Wenn jemand so schlagfertig mit einem Texthänger umgeht wie dazumal Matthias Luckey, dann hat der Zuschauer jede Menge Vergnügen daran.

Tanzen sie noch oder fallen sie schon? @tanznetz.de

Patzer sind dem Darsteller unangenehm, egal ob es der Texthänger beim Schauspieler ist oder die ungewollte Distanzlosigkeit zum Bühnenboden beim Tänzer, kurz: Hinfallen. Das Publikum merkt es vielleicht gar nicht. Wenn ein Zuschauer es aber doch bemerkt, dann freut er sich meistens. Ich jedenfalls. Und zwar nicht aus Schadenfreude. Oder nur sehr selten.

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Sonderschau „25 Jahre Städtische Kunstsammlung Freital“

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Kurzsichtiger Blick in den weitläufigen Saal der Dauerausstellung, auf die Dix-Bilder @Schloss Burgk Freital

Ausstellungsbericht: „Auch das gibt`s“, heißt es im Schloss Burgk. Damit mag auch der stille, in sich gekehrte Kulturgenuss gemeint sein, den Freital dem letztjährigen Wutgeschrei der Flüchtlingsfeinde entgegensetzt. Eigentlich aber verweist der Name darauf, dass die gezeigten Stücke normalerweise im Depot lagern. Also unbedingt anschauen?

Für vier Euro erhält man nicht nur Eintritt in die Sonderschau, sondern auch in die ständige Ausstellung plus Schlossmuseum. Dieses hält für den geneigten Besucher Einblicke in das Bergwerkswesen bereit sowie die Geschichte der einstigen Schlossbesitzer, der Familie Dathe von Burgk. Das ist insgesamt eine Menge für wenig Geld. Wie gut kann dann die Qualität der gezeigten Bilder sein?

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Buchgeschichten. Wege zur Weltliteratur

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Das Cover ist so schön! @Edition Hamouda

Buchkritik: Achtung, dieses Buch verführt. Denn es macht nicht nur Spaß, es zu lesen, sondern die kurzen Abhandlungen verleiten auch dazu, das jeweils thematisierte Buch zu verschlingen. Nur am Lektorat hat es leider gemangelt.

Hinter „Buchgeschichten“ steht ein starkes Konzept. Die Studenten vom Institut der Buchwissenschaften an der Uni Leipzig sollten je einen Essay von wenigen Seiten zu einem wichtigen Werk der Weltliteratur verfassen. Einfach den Inhalt herunterleiern, galt nicht. Jeder Student sollte die interessanteste Geschichte rund um das ausgewählte Buch finden. Da gibt es die Übersetzungsgeschichte der Pippi Langstrumpf, die durch die irrsinnig biedere Übertragung in Frankreich erst phänomenal floppte. Im Vordergrund für die Besprechung der Buddenbrooks steht Zahnweh. Solche ungewöhnlichen Zugriffe lassen den Leser mit Spannung schmökern, was ihn eigentlich vielleicht abgestoßen hätte. Olle Schullektüre trifft auf geballte Erotik wie das Kamasutra oder die wunderbare Miss Marple. Es geht einmal quer über den Globus und durch die Geschichte.

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die bühne: Im schönsten Wiesengrunde

@Max Helm PhotoArts

 

 

Aufführungsbericht: Das Laientheater der TU Dresden nimmt sich der britischen Dramatikerin Sarah Kane an. Ihre Stücke sind mehr berüchtigt denn berühmt für ihre offene Gewaltdarstellung, für Brutalität, die aus allen Poren trieft. Wie wollen die Laien das darstellen, womit schon die Profis Probleme haben? Da soll der Schauspieler mitten auf der Bühne seinen Darm entleeren. Da werden Augen ausgesaugt und Dinge irgendwo hineingesteckt, wo sie nicht hineingehören. Für diese Schonungslosigkeit gewann Sarah Kane mehrere Preise, auch aus Deutschland. Dennoch nahm sich die depressive Britin 1999 das Leben. Sie wurde nur 28 Jahre alt. Ob ihr gefallen hätte, wie die Studenten ihr Werk verwursten?

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